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Die Brücke zum Handel

Ab Mai trommelt der Pro-Sieben-Konzern für seine neue digitale Prospektplattform Marktguru. Die Ziele sind ehrgeizig, aber nicht unrealistisch: In wenigen Monaten möchte man Marktführer sein

Patrick Dainese

hat die App Marktguru in Österreich gegründet und dort zum Erfolg geführt. Er ist nun einer der beiden Geschäftsführer in Deutschland – mit viel Erfahrung in Technik und Vertrieb.

Es war ein „Silent Launch“, ein ganz stiller Markteintritt. Ohne großes Tamtam wurde Mitte April die neue App „Marktguru“ in die Stores gestellt: eine Plattform, auf der Händler ihre Werbeprospekte präsentieren können. Trotz des leisen Starts fand sie gleich viele Fans. „Innerhalb der ersten drei Tage hatten wir Hunderte an Downloads“, freut sich Patrick Dainese, der die Plattform Marktguru vor fünf Jahren in Österreich gegründet und dort zum Erfolg geführt hat

Nun startet die Plattform auch in Deutschland – was schon länger erwartet wurde – und Dainese ist einer der beiden Geschäftsführer. Der andere ist Marc-Etienne Geser. Er kommt von Sevenone Media, der Vermarktungstochter von Pro Sieben Sat1, die sich 90 Prozent der Anteile an Marktguru in Deutschland gesichert hat. Diese Konstellation zeigt, dass es um die Plattform nicht still bleiben wird, es im Gegenteil bald mächtig Werbe-Wind geben wird. Denn der Pro-Sieben-Konzern hat schon mehrfach bewiesen, dass er sich gern in unbekannte Webshops einkauft und diese über TV-Spots auf den eigenen Kanälen innerhalb kürzester Zeit zu bekannten Marken aufbaut.

Platz für ein mobiles Schaufenster

Das dürfte auch mit Marktguru passieren. Mit einem Brutto-Mediaetat von rund 30 Millionen Euro wird Sevenone Media ab Anfang Mai die Markteinführung der App befeuern. Im Mittelpunkt steht dann ein TV-Spot der Agentur Supermonaco, München, der von Online- und Social-Media-Maßnahmen begleitet wird. Innerhalb von drei Monaten soll diese Kampagne zu einer Million Downloads führen, so die Pläne. Man peile die Marktführerschaft bei der mobilen Nutzung an, sagt Dainese.

Wenig erstaunlich, dass sich angesichts solch ehrgeiziger Ziele unter den Wettbewerbern ein wenig Nervosität breitmacht. Denn dort sind seit einiger Zeit Konsolidierungstendenzen auszumachen, die sich nun verstärken könnten (siehe Kasten).

Dies liegt auch an einigen Features, die Marktguru von der Konkurrenz unterscheiden. So kann der User in der App nach Produkten suchen. Gibt er beispielsweise „Fernseher“ in den Suchschlitz ein, wird ihm gezeigt, welcher Händler in der unmittelbaren Umgebung in einem seiner aktuellen Werbeprospekte gerade ein günstiges TV-Gerät anbietet – egal ob Saturn, Conrad oder der DM Drogeriemarkt. Wird das Angebot auch über einen E-Commerce-Shop angeboten, verlinkt Marktguru direkt dorthin.

Diese Verlinkung ist für den Händler kostenlos, für das höhere Ranking bei den Suchergebnissen muss er dagegen bezahlen. Dies ist nur eine von mehreren Einkommensströmen, die Sevenone mit Marktguru erschließen will. Auf der App ist außerdem Platz für ein mobiles Schaufenster, in dem der Handel seine Produkte bewerben kann. Er kann außerdem im TV-Spot, mit dem der Pro-Sieben-Konzern seine neue App bewirbt, einige Sekunden belegen. Diese Kombination von TV und digitaler Prospektplattform sei besonders attraktiv, meint Marc-Etienne Geser. „Der User sieht die Produkte im Spot und findet sie in der App. Damit schlagen wir die Brücke zum lokalen Handel.“

Daran wird deutlich, warum der Launch der Prospekt-App in den Chefetagen der Sevenone Media als äußerst wichtiges strategisches Thema gesehen wird. Denn indirekt wird es für den Vermarkter damit erstmals möglich, so etwas wie regionale Werbung anbieten zu können. Damit kann er auf eine Kundschaft zugehen, für die Fernsehwerbung bislang kein Thema war. Über eine nationale Kampagne kann der TV-Zuschauer über die App direkt in den Point of Sale geleitet werden.

Die Barbecue-Soße zu den Gartenmöbeln

Rund 150 bis 200 Handelsunternehmen – von Aldi bis Zeemann, von Baby One bis Woolworth – sind am Anfang dabei. Diese hohe Abdeckung ist wichtig, um der App die nötige Relevanz zu verleihen. Für die Handelsketten ist die Einstellung ihrer Prospekte kostenlos, sie müssen lediglich die digitalen Daten liefern. Gebühren werden dann fällig, wenn ein User eine der Angebotsseiten öffnet. Es werde rein Performance-orientiert abgerechnet, so Geser.

Interessant dürfte sein zu beobachten, wie sich die Prospekte-App weiter entwickelt. Theoretisch ist eine ganze Menge an zielgerichteter Ansprache möglich. Wenn beispielsweise ein User in einem Prospekt nach Gartenmöbeln sucht, könnte ihm Obi einen Holzkohlegrill und Tengelmann das Holzfäller-Steak samt der passenden Barbecue-Soße über eine Push-Nachricht anbieten.

Möglich wäre dies. Allerdings dürfte das noch dauern, denn auch im normalen Web-Alltag funktioniert das Retargeting bislang nur sehr stotternd. ❚


Marktguru: der Neuling

Marktguru ist seit 2011 in Österreich aktiv und dort Marktführer. Nun kommt die App auf den deutschen Markt – in komplett überarbeiteter Form. Die Pro-Sieben-Tochter Sevenone Media hält an dem deutschen Unternehmen 90 Prozent. Mit ihrem Engagement will sie im Marketing die Brücke von TV zum POS schlagen.


Kaufda: der Vorreiter

Die digitale Prospektplattform Kaufda wurde 2008 von Christian Gaiser gegründet. Inzwischen gehört das Unternehmen, ein Mitglied der Bonial Group, mehrheitlich zur Axel Springer SE. Im Juli 2014 übernahm Kaufda 100 Prozent der Gesellschaftsanteile am Mitbewerber Meinprospekt.de. Gelistet sind auf Kaufda derzeit rund 220.000 Geschäfte.


Marktjagd: der Angreifer

Im Januar hatte die Checkitmobile GmbH, die die Verbraucher-App Barcoo betreibt, ihren Zusammenschluss mit der Prospektplattform Marktjagd angekündigt. Im April schlossen sich beide Unternehmen zur Offerista Group zusammen. Gemeinsam erreichen sie sechs Millionen Nutzer pro Monat.

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