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Grenzenloses Amazon

Amazon will sein europäisches Logistiknetzwerk besser auslasten, auch mit Waren von Dritthändlern. Wer nicht mitzieht, muss ab 8. Juni mehr bezahlen

Wenn die Logistikexperten von Amazon auf eine Landkarte von Europa schauen, sehen sie keine Landesgrenzen. Stattdessen sehen sie ein mal enger, mal weiter geknüpftes Netzwerk aus Logistikzentren, das bereits große Teile des europäischen Kontinents abdeckt. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis Amazon die verbliebenen Lücken mit weiteren Standorten schließt.

Damit das beeindruckende Netzwerk, das derzeit 29 Zentren an 26 Standorten umschließt, sein ganzes Potenzial ausschöpfen kann, muss es gleichmäßig ausgelastet werden. Schon seit einiger Zeit nutzt der Online-Gigant daher auch die Logistikzentren im polnischen Breslau oder Poz nan für den Versand nach Deutschland – ein Umstand, auf den Amazon besonders gern hinweist, wenn die Verdi-Streiks in Deutschland mal wieder an Heftigkeit zunehmen. Damit die Strategie der internationalen Logistik aber gelingen kann, muss Amazon auch die Marketplace-Verkäufer ins Boot holen. Schon seit letztem Sommer wirbt der Marktplatz vehement dafür, dass die Partner, die Amazon als Handelsplattform nutzen und ihre Waren vom hauseigenen Fulfillment-Service Fulfillment-by-Amazon (FBA) versenden lassen, ebenfalls dafür die Lagerung in ausländischen Logistikzentren zulassen. Jetzt dreht der Retailer die Idee der internationalen Logistik noch weiter: Mit einem neuen FBA-Vorstoß, als „pan-europäischen Versand“ beworben, will Amazon die Waren der Drittpartner eigenständig im Logistiknetzwerk verteilen – je nach Auslastung der Zentren und der Nachfrage vor Ort. Lieferzeiten im internationalen Handel sollen so verkürzt, Bestellungen kostengünstiger bearbeitet werden.

Was für Händler mit internationalen Ambitionen durchaus interessant klingt, ist Verkäufern, die ihre Waren vor allem im eigenen Land an den Mann bringen wollen, nicht auf den ersten Blick zu vermitteln: Warum muss ein Buch von einem deutschen Händler zu einem deutschen Kunden über Polen versendet werden? Bisher hatte Amazon versucht, diesen Widerspruch mit Einstiegsprämien abzumildern: Wer der internationalen Lagerung seiner Produkte zustimmte, konnte mit einmaligen Zuschüssen von Amazon in Höhe von mehreren Tausend Euro rechnen. Jetzt packt der Retail-Gigant offenbar nach dem Zuckerbrot die Peitsche aus: „Um die Effizienz und Schnelligkeit noch weiter auszubauen, ist es notwendig, den Lagerbestand im europäischen Versandnetzwerk – einschließlich Amazons Standorten in Polen und der Tschechischen Republik – zu verteilen“, so der freundliche Anfangstext der Mail Ende April an alle FBA-Kunden, die es im weiteren Verlauf aber in sich hatte: „Sollten Sie der Lagerung und Abwicklung Ihres ,Versand durch Amazon‘-Lagerbestands im erweiterten Logistiknetzwerk einschließlich Polen und der Tschechischen Republik nicht zustimmen, werden wir Ihnen ab dem 8. Juni 2016 eine um 0,25 € erhöhte Versandgebühr für alle aus Deutschland versandten ,Versand durch Amazon‘-Einheiten in Rechnung stellen.“

Seither wird in den Kommentarspalten der einschlägigen Blogs und Foren heiß diskutiert: Soll man sich dem Druck von Amazon beugen und der internationalen Lagerung zustimmen? Oder übersteigen die Aufwendungen die Strafpauschale von Amazon? Den großen Haken für die Händler hat sich Amazon nämlich für den Schluss der Mail aufgehoben: „Die Lagerung von Produkten in Polen und der Tschechischen Republik hat umsatzsteuerliche Pflichten für Ihr Geschäft zur Folge und kann weitere Meldungspflichten auslösen.“ Im Klartext bedeutet das ein gerüttelt Maß an Mehraufwand für Buchhalter und Steuerberater. Denn Internationalität ist vor allem auf Detailebene teuer. ❚

Ingrid Lommer


„Skalierungsnachteile für kleine Händler“

Alexander Hofmann E-Commerce-Berater und Betreiber des Shop-System-Vergleichs ecomparo.de

Alexander Hofmann, E-Commerce-Berater und Betreiber des Shop-System-Vergleichers Ecomparo.de, sieht den Internationalisierungszwang bei FBA kritisch.

Herr Hofmann, Amazon hat die Gangart bei der Internationalisierung der FBA-Logistik verschärft. Welche Händler sind von dem neuen Druck besonders betroffen?

Alexander Hofmann: Sicherlich haben die kleineren Händler gegenüber den Großen durch die Strafgebühren Wettbewerbs- und Skalierungsnachteile. Allerdings ist der internationale Handel grundsätzlich für kleinere Händler schwerer als für größere. So ist bei einer Lagerung der eigenen Produkte im Ausland eine Umsatzsteuerregistrierung nach örtlichem Recht nötig. Zudem unterliegt der Verkauf der Produkte dem im Lagerland geltenden Steuerrecht. Bei der Rücklieferung der Waren nach Deutschland können Lieferschwellen in Kraft treten. Gerade bei hochpreisigen Waren wird das schnell relevant, weil die Lieferschwellen dort schneller erreicht sind. All das macht den bürokratischen Aufwand deutlich größer als bisher.

„Gerade bei hochpreisigen Waren werden Lieferschwellen schnell erreicht“

Hat Amazon denn inzwischen eine Hilfestellung für die Umstellung angeboten?

Hofmann: Erstaunlicherweise ja: Bis dato kann ein deutscher Händler, der Fulfillment by Amazon nutzt, auf den anderen internationalen Amazon-Marktplätzen als Verkäufer auftreten. Er ist dort aber auch allen örtlichen Regulatorien ausgesetzt. Aber seit Kurzem können Verkäufer mit FBA-Lagerbestand im Amazon-Backend auch die Amazon-Funktion „Kauf meines Lagerbestands durch Amazon genehmigen“ aktivieren. Dann listet Amazon den Artikel auf allen anderen Marktplätzen und tritt dort auch als Verkäufer auf – Versand und Verkauf übernimmt Amazon aus dem FBA-Lager, der Händler hat keinerlei Ärger.

Aber das heißt: Amazon bestimmt den Verkaufspreis im Ausland, der Händler gibt die Hoheit über die Marge ab.

Hofmann: Ja, das stimmt schon, ist aber ein Teil des Risikos, das jeder Händler eingeht, wenn er über Amazon handelt – dass eben Amazon im Zweifelsfall ein gut laufendes Produkt selbst listet und dem Händler so das Wasser abgräbt. Aber den Marketplace-Händlern, die die neue Funktion jetzt testen, ist dieses Risiko durchaus bewusst, und dennoch hoffen sie so, auf unkomplizierte Weise das Marktpotenzial in anderen Märkten mal anzutesten. Und immerhin: Das ist quasi das erste Mal, dass Amazon Händler proaktiv mit einer praxisnahen Hilfestellung unterstützt. Bisher stellte Amazon lediglich technische Möglichkeiten für einen internationalen Vertrieb im Amazon-Backend bereit, die aber vor allem kleinere Marketplace-Händler wegen der nach wie vor praxisfernen bürokratischen Hindernisse in der Mehrzahl nicht nutzen können.

Wird die Internationalisierung der FBA-Logistik in Zukunft noch weiter zunehmen?

Hofmann: Dessen bin ich mir sicher. Amazon geht mit ausgefeilten Logistikprozessen als Alleinstellungsmerkmal in den bevorstehenden internationalen Wettbewerb mit Alibaba, da passt eine flexiblere Lagerhaltung für FBA-Produkte ins Bild.


Internationaler Handel wächst

Bis 2018 wird der grenzübergreifende Handel in Europa 20 Prozent des gesamten Online-Umsatzes ausmachen, so eine Prognose des Branchenverbands Emota.

Deutsche Amazon-Marketplace-Händler exportierten 2015 Waren im Gesamtwert von 1,5 Milliarden Euro ins Ausland.

2015 ist die Zahl der deutschen Marketplace-Händler, die ihre Waren via Fulfillment-by-Amazon versenden, um ein Drittel gestiegen.

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