INTERNET WORLD Business





Banken unter Zugzwang

Fintech-Unternehmen sind beides: Konkurrenz und Partner für Banken und Versicherungen. Das junge Segment wächst stark

Spätestens seit der Finanzkrise haben Banken ein massives Imageproblem. Die Kunden misstrauen ihren Bankberatern und den Finanzprodukten, die ihnen angeboten werden. Und Zinsen? Gibt es eh kaum mehr. Die unzufriedene Stimmung machen sich nun Start-ups, sogenannte Fintech-Unternehmen, zunutze. Unter der Bezeichnung werden junge Unternehmen zusammengefasst, die Finanzdienstleistungen auf Basis von digitalen Technologien verändern wollen. Mit neuen Unternehmensmodellen treten sie seit einigen Jahren an, den Finanzsektor umzukrempeln. Die jungen Gründer wollen mit neuen Ideen Anleger und Kunden von sich und ihren Geschäftsmodellen überzeugen. Das Versprechen der Fintechs: Sie können vielfach nicht nur mit Kosteneffizienz überzeugen, sondern auch mit Kostentransparenz. Statt auf einen Bankberater zu hören, können Kunden nun ihre Finanzen selbst managen. Online oder mit dem Smartphone überweisen sie Geld oder legen es an – und das alles unabhängig von der traditionellen Hausbank.

Die Unternehmensberatung Ernst & Young (EY) geht in ihrer Untersuchung „German Fintech Landscape“ davon aus, dass es derzeit rund 250 Finanz-Start-ups in Deutschland gibt. Die Studie differenziert nach folgenden Branchen (s. Grafik S. 35): Bank- und Kreditgeschäft, Vermittler und Aggregatoren, Technologiedienstleistungen, Lösungen für regulatorische Anforderungen, Zahlungsabwicklung, Finanzdatenanalyse, Versicherung („Insurtech“) und Investitionen (Investtech).

Die Studie zeigt auch, wie stark das Interesse der Investoren an Fintech-Unternehmen in den letzten Jahren gestiegen ist. Das Risikokapital, das in Start-ups investiert wurde, hat sich, so Ernst & Young, von rund 80 Millionen Euro im Jahr 2013 bereits ein Jahr später auf 200 Millionen Euro erhöht. Im vergangenen Jahr wurde diese Summe mit insgesamt 524 Millionen Euro Risikokapital fast verdreifacht. Die Zahl der Beschäftigten wird in der EY-Erhebung auf rund 13.000 Menschen beziffert. Deutschland gehört weltweit zu den Top-8-Märkten in Bezug auf Fintech. Führend sind das Vereinigte Königreich, Kalifornien und New York, so die Studie.

Eine immer stärkere Ausdifferenzierung

Die Fintech-Branche ist im Vergleich zu anderen Segmenten der Digital-Wirtschaft noch recht jung. Zu den Treibern zählten zunächst klassische Business-to-Consumer-Modelle für Retailer, allen voran Payment-Anbieter. Im nächsten Schritt konzentrierten sich Lending-Plattformen als sogenannte P2P-Modelle (Peer-to-Peer) auf die Kreditvergabe von privat an privat. Nur wenig später etablierten sich Unternehmen im B2B-Bereich, beispielsweise im Bereich Trading (Aktienhandel). Seit Kurzem sind die ersten Insurtech-Unternehmen am Start.

Ein Beispiel dafür, dass deutsche Unternehmen die Bedeutung der jungen Branche erkennen, ist die Eröffnung des „Fintech-Hub“ in Frankfurt durch die Deutsche Börse Ende April 2016. Er ist Teil einer Initiative der hessischen Landesregierung, ein Fintech-Cluster zu schaffen. Die ersten vier Unternehmen, die dort einzogen, sind Fintura, ein Kreditvergleichsportal für kleine und mittlere Unternehmen, der Kontwechselservice Dwins, der Sparservice Savedroid und das Zahlungssystem Cashlink Payments. Weitere Start-ups bekommen die Möglichkeit, Arbeitsplätze flexibel zu buchen. Die Deutsche Börse stellt die Büros zunächst kostenfrei zur Verfügung.

Mit großer Aufmerksamkeit verfolgten Investoren zuletzt die Bereiche Security und „Robo-Adviser“ (voll automatisierte Geldverwaltung online) sowie die Entwicklung der digitalen Währung Bitcoin und der Blockchain (siehe auch INTERNET WORLD Business 11/16).

Diese Ausdifferenzierung zeigt vor allem eines: Je stärker sich die Branche entwickelt und je breiter das Angebot wird, umso wichtiger wird der Stellenwert von Software. Nicht mehr nur die Idee wird ausschlaggebend für den Erfolg des Unternehmens sein, sondern vor allem die IT, die der Dienstleistung zugrunde liegt.

Ein Beispiel dafür ist die Solarisbank, die 2015 von Finleap, einem Inkubator mit Sitz in Berlin, gegründet wurde. Ramin Niroumand, Mitgründer und Managing Partner von Finleap, betont, dass die „DNA“ der Solarisbank zu 100 Prozent aus dem Baustein Technologie besteht. Die Solarisbank hat eine Banklizenz und bietet ein Banking-Toolkit an. Auf dieser modularen digitalen Banking-Architektur können andere Start-ups ihre Dienste aufsetzen.

Das Ziel von Finleap ist, mit Technologie und Software die Finanzbranche langfristig zu verändern. Der Berliner Risikokapitalgeber hat sich auf den Aufbau von Fintechs spezialisiert und bislang insgesamt acht Unternehmen gegründet.

Verhältnis zu Banken ist vielschichtig

Lange wurden Fintechs als Konkurrenz zu den Banken gesehen. Doch mittlerweile stimmt dieses Bild nicht mehr. Fintechs und Banken sind heute gleichzeitig Wettbewerber und Partner, beide suchen den Schulterschluss. Kaum ein Finanz-Start-up, das heute noch ohne eine Bank im Rücken auskommt. Daher sind White-Label-Banken wie beispielsweise die Wirecard Bank oder Fidor entstanden, die zwar als Bank selbst kaum in Erscheinung treten, sich aber mit ihrer Banklizenz als Partner und Dienstleister im Hintergrund den Start-ups zur Verfügung stellen. Auch die Bank für Investments und Wertpapiere (BIW AG) bietet solch ein White-Label-Banking an und führt beispielsweise für das Start-up Whitebox die Konten und Depots.

Solche Beispiele zeigen, dass sich Banken und Fintechs gegenseitig brauchen. „Der Finanzmarkt ist ein stark regulierter Bereich, unter anderem um sicherzustellen, dass Finanzdienstleister vertrauenswürdig sind und das Geld der Kunden geschützt ist“, sagt Maximilian Tayenthal, Gründer von Number26, Anbieter eines Online-Girokontos. „Die Zusammenarbeit mit einem Partner verkürzt die Markteinführungszeit und reduziert die regulatorische Komplexität“, beschreibt Tayenthal die Vorteile einer Kooperation mit einer Bank. Das Start-up mit Sitz in Berlin arbeitet dazu eng mit der Wirecard Bank zusammen.

Die Start-ups aus dem Fintech-Bereich hatten sich zunächst auf einzelne Bereiche des Bankgeschäfts wie Sparen, Investments, internationale Überweisungen und Kreditvergabe fokussiert, die früher ausschließlich von etablierten Kreditinstituten besetzt wurden. Nun weiten sie ihre Angebote aus. „Wir glauben stark daran, dass der Kunde nicht verschiedene Apps fürs Sparen, fürs Girokonto oder für Versicherungen haben möchte, sondern eine App für alle Finanzthemen“, ist sich beispielsweise Tayenthal sicher.

Die Digitalisierung wird die Finanzbranche verändern. Laut Schätzungen werden in zehn Jahren bereits 30 Prozent der Bankgeschäfte online abgewickelt. Tempo machen auch Start-ups, die die Versicherungsbranche angreifen. US-amerikanische Beispiele dafür sind der Peer-to-Peer-Versicherer Lemonade.com oder die Krankenversicherung Oscar. ❚

Christina Cassala


Eine Auswahl an interessanten Fintech-Unternehmen

Zinspilot.de

will es Sparern ermöglichen, „Tagesgeld-Hopping“ zu betreiben. Mit Zinspilot können Anleger über ein Konto die Zinsangebote vieler Banken nutzen. An der Betreiberfirma Deposit Solutions GmbH ist die Otto-Gruppe beteiligt.


Eine Auswahl an interessanten Fintech-Unternehmen

Weltsparen.de

ist eine Online-Zinsplattform für europäische Fest- und Tagesgelder. Weltsparen.de ist ein gemeinsames Angebot der Raisin GmbH und der MHB-Bank für Privatkunden in Deutschland und Österreich.


Eine Auswahl an interessanten Fintech-Unternehmen

Whitebox.eu und Vaamo.de

bieten eine unabhängige Online-Vermögensverwaltung an. Ihr Vorteilsversprechen: transparente Gebühren und ein vergleichsweise niedriger (5.000 Euro bei Whitebox) oder kein Mindestanlagebetrag (bei Vaamo).


Eine Auswahl an interessanten Fintech-Unternehmen

Scalable Capital

ist ein Online-Vermögensverwalter. Das Unternehmen bietet ein automatisiertes Anlage-Tool an. Das Mindestanlage-volumen beträgt 10.000 Euro, die Gebühr 0,75 Prozent des Anlagebetrags pro Jahr.


Eine Auswahl an interessanten Fintech-Unternehmen

Fairr.de

hat sich auf Produkte für die staatlich geförderte Altersvorsorge spezialisiert. Kunden können bei Fairr.de online einen Riester- oder Rürup-Vertrag abschließen und profitieren von schlanken Kostenstrukturen.


Eine Auswahl an interessanten Fintech-Unternehmen

Friendsurance.de

ist ein Versicherungsmakler. Versicherte schließen sich zu kleinen Gruppen zusammen. Von den gezahlten Versicherungsbeiträgen fließt ein Teil in einen Topf. Wenn kein Schaden eintritt, bekommt jeder etwas als Bonus wieder.


Eine Auswahl an interessanten Fintech-Unternehmen

Clark.de

ist ein Online- beziehungsweise mobiler Versicherungsmakler. Nutzer registrieren sich, geben an, welche Versicherungen sie haben, Clark vermittelt günstigere Verträge. Das Unternehmen erhält von den Versicherungen Provisionen.


Fintech

Fintech ist die Abkürzung für „Finanztechnologie“. Unter diesem Sammelbegriff werden Start-ups zusammengefasst, die neue Finanzdienstleistungen meist mithilfe von mobilen Apps oder digitalen Plattformen anbieten und dadurch in Konkurrenz zu traditionellen Playern wie Banken oder Versicherungen treten. Mittlerweile wird der Begriff Fintech weit gefasst. Neben jungen Unternehmen für Bankdienstleistungen zählen auch Start-ups aus den Branchen Versicherung („Insurtech“), Payment, Finanzdatenanalyse und Vergleichsplattformen dazu.

Die Studie „German Fintech Landscape“ von Ernst & Young nennt zudem noch „Regtech“ und „Investtech“. Letztere decken den Bereich „Trading“ ab und stellen Analyselösungen für Entscheidungen rund um Finanzen bereit. Regtechs bieten Lösungen an, die Unternehmen bei der Einhaltung von regulatorischen Vorgaben und beim Risikomanagement helfen.

Weitere Bilder
comments powered by Disqus