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Amazon bringt’s

Amazon schickt sich an, ein globales Logistiknetzwerk zu spannen. Das bedroht nicht nur Logistiker. Auch auf den klassischen Handel kommt da noch einiges zu

Als Amazon-Deutschland-Chef Ralf Kleber ankündigte, in Berlin Pakete künftig per Rohrpost verschicken zu wollen, zeigte das Datum auf dem Kalender den 1. April. Und auch die Ankündigung gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“, dass ein Amazon-Känguru Pakete aus dem Beutel zustellt, darf noch als Scherz verstanden werden. Bei allen anderen Logistikprojekten allerdings, die Amazon derzeit Schlag auf Schlag in den Markt presst, dürfte Händlern und Logistikdienstleistern gleichermaßen das Lachen im Halse stecken bleiben. Denn die Auswirkungen auf das eigene Geschäft könnten, gelinde gesagt, unangenehm werden.

Amazon als Mittler zwischen Lieferant und Kunde

„Wenn ein Online-Händler von der Größe und Bedeutung Amazons beschließt, sein eigenes Liefernetzwerk aufzubauen, ändert das den Markt für jeden“, warnt die Royal Mail ihre Konkurrenten nicht ohne Grund. Der britische Logistiker musste seine Wachstumsprognosen für die kommenden zwei Jahre von vier auf ein bis zwei Prozent senken, seit Amazon wegen Unzufriedenheit mit dem Royal-Mail-Service seine Pakete auf der Insel größtenteils in Eigenregie verschickt. Und auch vielen anderen Markt-Playern steht beim Gedanken daran, dass Amazon spätestens im Zuge der Einführung des Online-Lebensmittellieferdienstes Amazon Fresh endgültig einen eigenen Lieferservice aufbauen könnte, der kalte Schweiß auf der Stirn.

Dass es vom Containerschiff bis zur letzten Meile in der Logistik im Grunde keine Disziplin mehr gibt, die Amazon unangetastet lässt, wurde schon im Februar dieses Jahres deutlich. Damals kamen Jeff Bezos’ Pläne ans Licht, unter dem Projektnamen „Drachenboot“ ein eigenes, weltumspannendes Logistiknetzwerk aufzubauen. Damit will der Handelsriese sämtliche Schritte der globalen Supply Chain – von der Produktion der Ware bis zur Zustellung an die Haustür – selbst kontrollieren. Viel Verschnaufpause lässt der E-Commerce-Riese der Konkurrenz dabei nicht: Branchen-Insider munkeln, dass die „Amazon Global Supply Chain“ schon in diesem Jahr offiziell das Licht der Welt erblicken könnte. Und bei genauem Hinsehen fügen sich viele der kleinen logistischen Einzelprojekte, die seit Anfang des Jahres publik wurden, immer besser in ein großes Gesamtbild.

So gab Amazon bereits im Dezember 2015 bekannt, in den USA Tausende von Lkw-Aufliegern gekauft zu haben. Die mit Amazon-Logo gebrandeten Trailer sollen sicherstellen, dass für das rasant wachsende US-Geschäft zu jedem Zeitpunkt ausreichend Verladekapazitäten zur Verfügung stehen. Zwar müssen die Auflieger noch von externen Fahrern zwischen den Amazon-Logistikzentren hin- und hergezogen werden. Doch der Seitenhieb auf UPS & Co. dürfte gesessen haben: Offensichtlich traut Amazon den traditionellen Logistikern nicht zu, mit dem rapiden Wachstum des eigenen Unternehmens Schritt halten zu können.

Anfang 2016 folgte der nächste Streich. Die US-Seefrachtbehörde teilte mit, dass die chinesische Zweigstelle von Amazon eine Lizenz als Seefracht-Dienstleister erhalten habe. Damit darf Amazon zwar keine eigenen Schiffe auf See schicken, aber Ladekapazitäten kaufen und den Warentransport für andere Unternehmen abwickeln. Vor allem chinesischen Fabrikbetreibern steht damit – indirekt – der Weg direkt in die Wohnungen von Millionen amerikanischer Verbraucher offen.

Im März schließlich bestätigte die amerikanische Air Transport Services Group in einer Pressemitteilung, künftig Amazons US-Luftverkehrsnetz mit insgesamt 20 durch das Versandunternehmen geleasten Frachtmaschinen zu betreiben. Auch hier begründet der E-Commerce-Riese den Schritt damit, auf diese Weise Kosten besser kontrollieren und Liefertermine besser einhalten zu können. Zugleich sicherte sich Amazon auch noch ein Anrecht auf den Kauf eines 20-Prozent-Anteils an den ATSG-Aktien. Das lässt vermuten, dass weitere Schritte in Richtung Unabhängigkeit von UPS, DHL & Co. folgen werden.

Viel Anstrengung rund um die letzte Meile

Noch agiler und innovativer als beim Management der B2B-Logistik zeigt sich Amazon allerdings bei der Optimierung der letzten Meile zwischen Logistikzentrum und Endkunden. Egal ob Drohne, selbstfahrende Lieferwagen oder Anticipatory-Shipping-Patent – es gibt kein Gedankenspiel, das bei Amazon nicht gedacht werden darf. Ihm muss nur das Motto zugrunde liegen: „Das Paket muss den Kunden finden, nicht der Kunde das Paket“ – und das dann auch noch so schnell und bequem wie möglich.

Entsprechend bietet Amazon Prime-Kunden in 14 Metropolregionen seit November vergangenen Jahres Gratis-Same-Day-Lieferung für rund eine Million Produkte an. Weil die klassischen Dienstleister auch hier an ihre „Kapazitätsgrenzen“ stoßen, wie es das Unternehmen freundlich formuliert, packt Amazon die Dinge jetzt selbst an. In München und Berlin koordiniert der Händler über eine eigene Software einen Pool von Kurieren, die die Ware von den stadtnahen Verteilzentren in Berlin-Tegel und Olching bei München zu den Kunden bringen.

Der jüngste Coup in Sachen Blitzlieferung ist die Einführung von „Prime Now“ in Berlin. Um Kunden in bestimmten Berliner Postleitzahlenbereichen innerhalb von einer Stunde beliefern zu können, wurde ein Geschäftshaus am Kurfürstendamm, in dem früher bezeichnenderweise ein Elektrogroßmarkt war, zu einem Lager umgebaut. Eine ähnlich gut gelegene Immobilie hat Amazon offenbar in Frankfurt in einem alten Neckermann-Gebäude gefunden. Auch in Hamburg hatte Amazon bereits eine geeignete Fläche ausgespäht, war aber am Widerstand der Nachbarschaft gescheitert, die ein zu hohes Verkehrsaufkommen befürchtete.

Nichtsdestotrotz wird sich Amazon in seinem Bestreben, mit kleineren Logistik-und Verteilzentren näher an die Kunden heranzurücken, nicht lange aufhalten lassen. Und die neuen mehrstufigen Logistikstrukturen „eröffnen Amazon zusätzliche Optionen für weitere Dienste auch jenseits von Prime Now“, analysiert E-Commerce-Berater Jochen Krisch. Das kostet nicht nur Logistiker wie DHL oder Hermes Umsatz. Auch der klassische Handel wird es zu spüren bekommen, wenn Amazon sich – spätestens mit der Einführung des Lebensmittelservices Amazon Fresh –endgültig vom Direktversender zum Nahversorger wandelt und Kunden zu wöchentlichen Bestellungen animiert.

Größter Wettbewerbsvorteil von Amazon beim Aufbau eines eigenen Logistiknetzwerks sind Branchenexperten zufolge die hauseigenen Daten. „Während manche große Logistikdienstleister verzweifelt versuchen, ihre weltweiten Systeme auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, um wenigstens durchgängig Tracking und Tracing im Hier und Jetzt gewährleisten zu können, sagt Amazon bereits die Transportströme von morgen vorher“, so Robert Kümmerlen, Mitglied der Chefredaktion der Logistikfachzeitschrift „DVZ“, zum Problem der Traditionsunternehmen.

GLS-Chef Rico Back versucht, die Situation für die Branche positiv zu sehen, und lobt Amazon als Innovator, der von der Zustellung am selben Tag, der Lieferung zur Wunschzeit oder der Spätzustellung viel angestoßen habe. Die eigene Abhängigkeit von Amazon allerdings sei gering, da GLS Amazon größtenteils schon jetzt die Dienste verweigere. „Der Online-Händler verlangt Dienstleistungen und Preise von Paketdiensten, zu denen man nicht zustellen kann. Und wir lassen generell die Finger von unprofitablem Geschäft“, erklärt Back. ❚


„Der Händler entscheidet selbst“

Markus Schöberl ist als Director Seller Services Germany bei Amazon Deutschland verantwortlich für das Marktplatzgeschäft von Amazon. www.amazon.de

Im Rahmen von Fulfillment by Amazon (FBA) bietet der E-Commerce-Riese seine Logistikdienstleistungen auch Marktplatzhändlern an. In letzter Zeit gab es hier Diskussionen in Sachen „Global Selling“. Wir fragten Markus Schöberl, Director Seller Services Germany bei Amazon, nach den Hintergründen.

Herr Schöberl, vor Kurzem wurde das neue paneuropäische FBA-Programm gestartet. Welchen Mehrwert bietet das den Händlern?

Markus Schöberl: Wir wollen internationales Verkaufen so einfach wie möglich für Verkäufer machen. Wenn Händler an dem Programm teilnehmen, sind ihre Produkte auf den Amazon Websites in England, Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland gelistet. Trotzdem muss der Händler seine Ware nur an ein lokales Logistikzentrum von Amazon schicken. Ab dort übernehmen wir alles für ihn – angefangen von der automatischen Verteilung des Warenbestands anhand der zu erwartenden Nachfrage in den einzelnen Ländern physisch über Ländergrenzen hinweg bis zur Auslieferung an den Kunden. Die Kosten, die dem Händler entstehen, sind dieselben Kosten, die er hätte, wenn er in diesem Land lokal „Versand durch Amazon“ nutzen würde. Davon sind die Händler wirklich begeistert. Wenn Sie sich das Gesamtpaket ansehen, dann investieren wir dort schon sehr viel und bieten dem Händler auch viel, nämlich eine europaweite Verkaufschance, bei der Amazon die Komplexität für Händler um ein ganz ordentliches Stück reduziert. Um steuerrechtliche Themen muss sich der Händler – wie immer bei internationalen Verkaufsaktivitäten – selber kümmern. Wir unterstützen, können ihm das aber nicht abnehmen.

In den vergangenen Wochen gab es Diskussionen darüber, dass Marktplatz-Händler der Lagerung ihrer Waren in den Logistikzentren in Tschechien und Polen zustimmen müssten, wenn sie Zuschläge auf den Paketversand vermeiden wollen.

Schöberl: Es geht um ein Programm, das die Effizienz und die Schnelligkeit des europäischen Amazon-Logistiknetzwerks weiter ausbaut. Wir haben in Europa inzwischen ein Logistiknetzwerk mit insgesamt 29 Zentren. Es ist notwendig, Lagerbestand im gesamten europäischen Logistiknetzwerk zu verteilen, einschließlich der Amazon-Standorte in Polen und Tschechien, um Bestellungen an Kunden weiterhin schnell und zuverlässig auszuliefern. Händler, die ihren Lagerbestand in Logistikzentren in Deutschland haben, können auch die Logistikzentren in Polen und Tschechien zur Lagerung ihrer Waren nutzen, weil dies zur Optimierung der Kundenerfahrung beiträgt.

Welche Vorteile entschädigen denn die Händler für den Mehraufwand beispielsweise in steuerrechtlichen Belangen?

Schöberl: Es geht darum, dass Waren der Händler auf optimalem Weg schnell und zuverlässig zum Kunden kommen. Dafür sorgt das Gesamtnetzwerk über die 29 Logistikzentren in Europa hinweg. Wichtig ist uns, eine Balance zu finden. Händler, die sich bewusst gegen eine Lagerung in Tschechien und Polen entscheiden, aber letzten Endes trotzdem von der Gesamtoptimierung profitieren, stellen wir daher vom 8. Juni an 25 Cent mehr pro Einheit in Rechnung. Und wir unterstützen Händler auch, indem wir beispielsweise sehr gute Steuerberatungspakete bei KPMG für Händler ausgehandelt haben.

Einige Händler beschwerten sich auch über die Einführung der Funktion „Kauf meines Lagerbestands durch Amazon genehmigen“. Was ist das für eine Funktion?

Schöberl: Das ist sozusagen die nächste Evolutionsstufe beim europäischen Versand. Wir wollen die größte Auswahl für Kunden anbieten und unsere Vision ist, dass jeder Händler an jeden Kunden in Europa verkaufen kann. Dafür haben wir eine Reihe von Services wie beispielsweise das paneuropäische FBA-Programm geschaffen, um internationales Verkaufen für Händler noch einfacher zu machen. Für Händler, die immer noch den Schritt ins Ausland scheuen, haben wir nun ein Pilotprogramm gestartet. Hier arbeiten wir mit ausgewählten deutschen FBA-Händlern zusammen und listen deren Angebote auf der französischen Amazon-Site – als Verkäufer „Amazon“. Wenn sich ein französischer Käufer entscheidet, das Produkt zu kaufen, und nur dann, kaufen wir dieses Produkt von diesem deutschen Händler und liefern es an den französischen Kunden aus. Diese Händler wurden natürlich auch alle informiert und können selber entscheiden, ihren Warenbestand zur Verfügung zu stellen oder nicht. Zur Vorbereitung dieser „Global Selling“-Programme haben wir im März dieses Jahres die Teilnahmebedingungen für Amazon Verkäufer geändert und dies über die Verkaufsplattform „Seller Central“ angekündigt. Händler entscheiden, an wen sie verkaufen – und können ganz einfach in ihren Seller-Central-Einstellungen das Häkchen bei der Funktion „Kauf meines Lagerbestands durch Amazon genehmigen“ wegmachen.

Wäre es nicht besser gewesen, ihn selber aktiv das Häkchen setzen zu lassen?

Schöberl: Noch mal: Händler treffen in jedem Fall die Entscheidung selbst, ob sie im Ausland verkaufen wollen. Bevor Amazon ein solches Programm startet, werden die infrage kommenden Verkäufer vorab informiert. Anhand dieser programmspezifischen Einladung haben Verkäufer dann nochmals die Möglichkeit, über die Bereitstellung ihres Warenbestands zu entscheiden. Die Mehrheit der Händler ist von der Grundidee begeistert.


Laufende Projekte

Amazon Prime Now

Mit Amazon Prime Now und Logistikzentren in Innenstadtlage wandelt sich Amazon vom klassischen Versender zum Nahversorger, der dem stationären Handel noch mehr schlaflose Nächte bereitet.


Laufende Projekte

Amazon Lockers

Im Ausland gibt es sie bereits. Jetzt sollen die Amazon Lockers auch nach Deutschland kommen und Pakete für Kunden in Empfang nehmen, die durch klassische Zusteller schlecht zu erreichen sind.


Laufende Projekte

Autonomes Fahren

In Gesprächen mit Unternehmen wie Fiat oder Here lotet Amazon derzeit die Möglichkeiten für autonomes Fahren aus, um künftig die Bewältigung der letzten Meile zu optimieren.


Puzzle-Teile der Amazon Global Supply Chain

Optimierungen im Fulfillment

Lagerroboter beschleunigen die Abwicklung in den Logistikzentren, Fulfillment-Center in Citynähe verkürzen die Lieferzeit zum Kunden.


Puzzle-Teile der Amazon Global Supply Chain

Drohne oder Packstation

Um die letzte Meile effizienter zu bewältigen, experimentiert Amazon u.a. mit Drohnen, autonomen Autos oder Packstationen.


Puzzle-Teile der Amazon Global Supply Chain

Eigene Lkw-Trailer

Für den Überlandtransport hat Amazon Tausende von Lkw-Trailern gekauft, die Dritt-Carriern zur Verfügung gestellt werden.


Puzzle-Teile der Amazon Global Supply Chain

Seefracht

Amazon China wurde als Seefrachtdienstleister lizenziert und darf Ladekapazitäten kaufen und Warentransporte für andere abwickeln.


Puzzle-Teile der Amazon Global Supply Chain

Luftfrachtnetz

Zusammen mit ATSG plant Amazon Fulfillment Services ein Luftfrachtnetz und hat 20 Boeing-767-Frachtmaschinen geleast.

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