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Aufrüsten in der Wolke

Die Übernahme von Demandware durch Salesforce hat für Furore gesorgt. Nach Einschätzung der Branche ist sie jedoch ein logischer Schritt in die Zukunft

Stolze 2,8 Milliarden US-Dollar legt Salesforce für den Shop-System-Hersteller Demandware auf den Tisch – gut 50 Prozent mehr als die Börsenbewertung von Demandware zum Kaufzeitpunkt Anfang Juni. Doch warum greift Salesforce für Demandware so tief in die Tasche und schließt seine bisher teuerste Übernahme ab?

Zwei Faktoren dürften den Deal maßgeblich beeinflusst haben: zum einen die Konsolidierung im Shop-Software-Markt, zum anderen der Trend zu Ende-zu-Ende-Lösungen, also Komplettlösungen, die alle relevanten IT-Bereiche in Unternehmen abdecken. „Alle großen Anbieter von Enter prise-Applikationen haben in den letzten Jahren ihr Produktportfolio durch den teuren Aufkauf von E-Commerce-Spezialanbietern komplettiert. SAP mit Hybris, Oracle mit ATG“, erklärt Frank Giesler, Managing Director der Agentur Commerce Plus. Das belege die wachsende Bedeutung von Digital Commerce als integralem Bestandteil der Geschäftsstrategie eines jeden Unternehmens. Dass auf Produktseite digital verzahnt werde, was verzahnt werden müsse, sei nur logisch. „Insofern ist die Übernahme aus meiner Sicht kein überraschender Schritt von Salesforce.“

Olivier Groethals, Technology Practice Lead Kontinentaleuropa bei der Agentur Sapient Nitro, sieht das ähnlich: „Der Trend geht eindeutig in Richtung „End to End“-Lösungen, die stark personalisierte Erlebnisse entlang der gesamten Customer Journey bieten. Alle großen Player wie SAP, Oracle, IBM und Salesforce verfolgen hier eine ähnliche Strategie.“

In der Tat hat Salesforce angekündigt, mit Demandware einen ganz neuen Geschäftsbereich aufzuziehen, die „Commerce Cloud“. Ursprünglich als Anbieter einer Customer-Relationship-Management-Lösung (CRM) angetreten, hat sich Salesforce in den letzten Jahren bereits zu einem Komplettlösungsanbieter gemausert. Neben der CRM-Lösung hat das Unternehmen eine Marketing, eine Service und eine Analytics Cloud etabliert. Damit deckt Salesforce zusätzlich zum Kundenmanagement bereits die Bereiche Marketing, Kundenservice und Analyse ab. „Was bisher fehlte, war ein Digital-Commerce-Angebot. Diese Lücke füllt nun Demandware“, so Groethals.

Demenstprechend wird sich der Markt der Shop-Software weiter wandeln. „Das aktuelle Layout für E-Commerce mit ERP und Middleware, CRM und Shop-Software und so weiter ist viel zu komplex, fragmentiert und kostenintensiv. Der Abnehmermarkt schreit nach neuen Frameworks“, urteilt der auf E-Commerce-Übernahmen spezialisierte Berater Ralph Hübner von Hampleton Partners. Seiner Meinung nach werden künftig vermehrt modulare, stark skalierbare Lösungen wie Spryker eingesetzt werden oder aber in die restliche IT-Landschaft eingebettete Shop-Systeme, die als Baukastensystem funktionieren. „Die reinen, starren Shop-Systeme bisheriger Bauart wird es mittelfristig nicht mehr geben“, ist er sich sicher.

Interessant ist der Deal für beide Unternehmen auch im Hinblick auf die Kundenstruktur: „Der Demandware-Zielmarkt dürfte große Attraktivität besitzen. Bisher setzen vor allem Groß- und mittelständische Unternehmen mit ambitionierten Wachstumszielen auf den Shop-Anbieter. Bekannte Brands finden sich bei Demandware vor allem im B2C-Fashion-Bereich. Damit stellt sich Salesforce, deren Fokus bisher eher auf B2B lag, nochmals breiter auf und greift SAP direkt an“, argumentiert Christian Grötsch, Geschäftsführer der Agentur Dotsource. SAP habe sein Angebot mit Hybris radikal in Richtung Cloud und Big Data modernisiert und mit seiner „Cloud 4 Customers“ eine mächtige Customer-Engagement-Lösung etabliert. „Diese erfährt nun harte Konkurrenz“, so Grötsch.

Salesforce und Demandware sind hier im Vorteil: „Beide Unternehmen haben sich von Anfang an als Cloud-Anbieter präsentiert. Deshalb dürfte das Mindset ähnlich sein, was eventuell auch die Integration erleichtert“, schildert Markus Cansever, Director Digital Business der Agentur Valtech, seine Außenansicht auf die Übernahme. Auch Groethals von Sapient Nitro sieht das als Benefit. „Das Cloud-Know-how anderer Anbieter ist bei Weitem nicht so ausgereift“, betont er.

Der Trend zum Verschmelzen der Systeme wird auch in naher Zukunft anhalten. Adobe, das schon bei Demandware als potenzieller Käufer hoch im Kurs stand, ist gegenüber den Wettbewerbern ins Hintertreffen geraten. „Es wäre keine Überraschung, wenn nun auch Adobe einen starken Partner im Enterprise-E-Commerce-Segment zukaufen würde“, meint Cansever. Mit dem Aufbau seiner Marketing Suite hat Adobe ja schon vorgemacht, wie der Konzern dabei vorgeht. ❚


Demandware auf einen Blick

• gegründet 2004, Sitz in Jena

• etabliert als E-Commerce-Plattform aus der Cloud

• 1. Quartal 2016: Umsatz 67,1 Mio. $, Verlust 11,7 Mio. $

• Kunden: Adidas, Converse, Fila, Marc O’Polo, Picard, S. Oliver


Salesforce auf einen Blick

• gegründet 1999, Sitz in San Francisco, USA

• etabliert als Spezialanbieter für CRM aus der Cloud

• I. Quartal 2016: Umsatz 1,92 Mrd. $, Gewinn 38,8 Mio. $

• bislang teuerster Kauf: 2013 Exact Target für 2,5 Mrd. $

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