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Wette auf den Underdog

VW steigt beim Ridesharing ein – mit einem millionenschweren Investment ins israelische Start-up Gett, zurzeit die Nummer 6 der international tätigen Fahrdienstvermittler

Wenn VW-Konzernchef Matthias Müller über eine Zukunft referiert, in der der Besitz eines eigenen Autos keine Rolle mehr spielen wird, dann nimmt man das dem erklärten Technikfreak und Porsche-Fahrer, nicht so ganz ab – auch dann nicht, wenn er im gleichen Satz über das 300 Millionen US-Dollar schwere Investment in das israelische Ride-Hailing-Start-up Gett (Anm.: ein Mitfahrservice) berichtet, mit dem VW Ende Mai die Branche überrascht hat. „Wir wollen vom Automobilhersteller zum Anbieter für Mobilität werden“, sagte Müller auf der Pressekonferenz, und: „Unser Kernprodukt ist künftig nicht mehr nur das Auto.“ Klang irgendwie nach Zahnschmerzen.

VW steht derzeit als Konzern mit dem Rücken zur Wand – und das nicht nur wegen milliardenschwerer Regressforderungen nach „Dieselgate“ oder den daraus resultierenden eingebrochenen Verkaufszahlen. Wie die gesamte Autoindustrie muss sich auch VW mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass sich unsere Vorstellung von Mobilität gerade wandelt: Vor allem in den Städten ist das eigene Auto längst nicht mehr das erklärte Symbol für Freiheit und Status. Carsharing-Anbieter und Ride-Hailing- oder Ride-Sharing-Dienste wie Uber, Mytaxi oder Drive Now gewinnen stetig an Reichweite und Kunden. Gleichzeitig sind die Neuwagenverkäufe zumindest in der westlichen Welt seit Jahren rückläufig.

Wer in der neuen Mobilitätswelt überleben will, muss sich anpassen – und dem Kunden mehr bieten als vier Räder und eine Karosserie. Im VW-Konzern-Sprech heißt dieses neue Konzept „Mobility on demand“: Bis 2025 wollen die Wolfsburger ihren Konzern „für die Zukunft der Mobilität neu ausrichten“, so Müller – dann soll ein „substanzieller Teil“ des Umsatzes mit Mobilitätsdienstleistungen erwirtschaftet werden.

Einen ersten Schritt stellt die Beteiligung an Gett dar. Das israelische Start-up, das mit seiner Ride-Hailing-App ähnlich wie Mytaxi ausschließlich professionelle Taxifahrer vermittelt und als zweites Standbein auf Unternehmenskunden setzt, ist im Moment in über 60 Städten weltweit verfügbar. Bisher hält sich Gett sogar hartnäckig im anerkannt härtesten Ride-Hailing-Markt der Welt – New York. Dort etablierte sich das Start-up mit einer aufwendigen Werbeschlacht und Festpreisen auf Dumping-Niveau gegen die übermächtige Konkurrenz von Uber und Lyft. Trotz dieses Achtungserfolgs zählt Gett mit einer geschätzten Kriegskasse von rund 520 Millionen US-Dollar eher zu den Underdogs im Rennen um den Titel „Uber-Killer“. Mit dem Partner VW will Gett das nun ändern: 2017 soll die App in Deutschland starten. Spezielle Konditionen beim Kauf eines VW-Fahrzeugs für Gett-Fahrer sollen dazu beitragen.

Investment-Fieber

VW ist nicht der einzige Autokonzern, der mit der Wandlung zum Mobilitätsanbieter die Flucht nach vorn antritt. Daimler und BMW arbeiten bereits mit Car2Go und Drive Now an eigenen Carsharing-Angeboten, Daimler hat zudem den 2014 übernommenen Taxivermittler Mytaxi in sein übergreifendes, App-basiertes Mobilitätskonzept Moovel eingebunden. General Motors investierte Anfang des Jahres 500 Millionen US-Dollar in den Uber-Konkurrenten Lyft und will gemeinsam mit dem US-Unternehmen selbstfahrende Taxis bauen. Toyota wiederum ist seit Längerem mit einer kleineren Summe an Uber beteiligt und bietet Uber-Fahrern – ähnlich wie beim VW-Gett-Deal – seine Fahrzeuge zu vergünstigten Konditionen an. Auch Ford versucht sich seit Anfang 2015 in Sachen Mobilität neu zu erfinden und investiert in Car-Sharing-, Ride-Hailing- und andere Mobilitäts-Start-ups auf der ganzen Welt – VW ist mit seinem Gett-Deal also reichlich spät dran. ❚

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