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Die Zeit nach dem Knall

Das Vereinigte Königreich gilt als Digital-Schrittmacher Europas. Doch nach der Brexit-Entscheidung steht diese Rolle zur Disposition. Die Folgen sind unkalkulierbar„

Kopfschüttelnd blickt Wilfried Beeck auf sein Smartphone: „Der DAX ist um über neun Prozent runter, das Pfund hat gegenüber dem Dollar fast zwölf Prozent eingebüßt.“ Es ist der Morgen nach dem Referendum der Briten über den Ausstieg aus der EU. Beeck betrachtet auf dem Börsenticker die Schockwelle, die durch die Märkte jagt, und kann das Ergebnis nicht so recht fassen.

Der erfolgreiche Internet-Unternehmer, der 1998 den Shop-Software-Anbieter Intershop an die Börse brachte und dabei viel Geld verdiente, wäre von einem Brexit direkt betroffen. Die Shop-Software-Schmiede ePages, die Beeck vor über 30 Jahren gründete und heute noch als CEO leitet, unterhält ein Büro in London, ebenso die Digitalagenturgruppe Syzygy, bei der Beeck im Aufsichtsrat sitzt.

Anfang der 1980er Jahre, nach dem Abitur, hat Beeck ein Jahr in England gelebt. Er erzählt, wie er ein Zimmer, das er sich von zu Hause aus organisiert hatte, dann doch nicht bekam, weil seine Vermieterin „nicht an einen Deutschen vermieten wollte.“ Doch das sei doch inzwischen mehr als 30 Jahre her, fügt er kopfschüttelnd hinzu.

Wie Beeck sind die meisten Akteure der deutschen Internet-Szene schockiert über den Ausgang des Referendums. Dass es knapp ausgehen würde, das hatte man im Vorfeld in der Zeitung lesen können. Dass sich am Ende jedoch eine solch deutliche Mehrheit der Bürger des Vereinigten Königreichs dafür entscheiden würde, aus der Europäischen Union auszuscheiden, damit hatte niemand so recht gerechnet. Die Briten offenbar auch nicht, vor allem nicht die jungen.

Die Millennials blieben dem Referendum fern

Drei von vier Wahlbürgern zwischen 18 und 24 Jahren – die Generation Internet – waren für den Verbleib Großbritanniens in der EU, doch nur 36 Prozent dieser Altersgruppe ging auch wählen. An anderen Ende der Skala sehen die Zahlen genau umgekehrt aus: 60 Prozent der über 65-Jährigen waren für den Brexit – und die Wahlbeteiligung lag bei den Senioren mit 83 Prozent ungewöhnlich hoch. Da muss es fast als eine Farce erscheinen, dass eine Online-Petition auf der Website des britischen Parlaments, auf der eine Wiederholung des Referendums gefordert wird, binnen eines Tages mehr als drei Millionen Unterstützer findet. Der Andrang der Unterzeichner ist so groß, dass der Parlamentsserver zeitweilig unter dem Ansturm der Zugriffe in die Knie geht.

Ebenfalls die Waffen streckt am Tag nach dem Brexit der Server des Online-Modekaufhauses Asos. Die BBC hat schnell eine Theorie für den Ausfall parat: Aufgrund des drastischen Kursverlustes des britischen Pfunds habe es einen Ansturm von Schnäppchenjägern gegeben, vermutet der Sender. Einen offiziellen Grund für den Ausfall des Shopping-Portals nennt Asos nicht.

Vielleicht findet der Brexit gar nicht statt

Welche Auswirkungen das Abstimmungsergebnis haben wird, steht heute genauso in den Sternen wie am Tag nach dem Referendum – zumal der britische Premierminister David Cameron am Tag danach nicht das getan hat, was er zuvor angekündigt hatte: den Wunsch des Königreichs nach Austritt gemäß Artikel 50 des Vertrags von Lissabon zu erklären. Nur dieser Schritt könnte einen – nach Stand der Dinge unumkehrbaren – zweijährigen Verhandlungsprozess in Gang setzen, an dessen Ende Großbritannien kein EU-Mitglied mehr wäre.

Davor stünde aber noch eine Entscheidung des britischen Parlaments, in dem EU-Befürworter die Mehrheit haben. Nicht wenige Beobachter bezweifeln deshalb, dass in absehbarer Zeit überhaupt ein Premier den Mut haben wird, Artikel 50 zu „triggern“. Schließlich sei das Referendum nicht bindend. Und Cameron, der den Briten versprochen hat, ihre Entscheidung gegenüber der EU umzusetzen, will im September zurücktreten und diesen Job seinem Nachfolger überlassen – der erst noch gefunden werden muss.

Solange aus London keine definitiven Entscheidungen kommen, bemühen sich auch deutsche E-Commerce-Experten um Gelassenheit. Jochen Wiechen, Vorstandsvorsitzender der Intershop Communications AG, gibt sich vorsichtig optimistisch: „Ich rechne damit, dass die wirtschaftlichen Konsequenzen in den Verhandlungen abgemildert werden.“ Vom Brexit will sich Wiechen nicht beirren lassen: „Wir haben bisher ja auch schon Geschäftsbeziehungen mit Kunden außerhalb der EU, zum Beispiel in den USA.“

Auch Andreas Maurer, Konzernsprecher von United Internet, sieht die Lage nüchtern. Der Anteil Großbritanniens am Gesamtumsatz des Konzerns, den UI allerdings nicht gesondert ausweise, sei „sehr gering“, schreibt Maurer in einer Mail. Das erscheint nachvollziehbar, denn 2015 entfielen vom UI-Gesamtumsatz von 3,7 Milliarden Euro gerade einmal 384 Millionen auf das Auslandsgeschäft, und das teilt sich in elf Länder auf.

Einschneidender könnten die Folgen eines Brexits für die britische Fintech-Industrie sein, vermutet Simon Black, CEO der PPRO-Group, einem Spezialisten für Online-Payment-Lösungen. Rund 500 Fintech-Firmen gibt es am Finanzplatz London, weiß Black. Würden die aufgrund von Beschränkungen im Finanzverkehr zwischen der EU und Großbritannien aufs Festland abwandern, könnten dem britischen Schatzkanzler in den nächsten zehn Jahren fünf Milliarden Pfund Steuern entgehen.

Was vor allem den Fintechs Sorgen bereitet, ist ein möglicher Wegfall des sogenannten „Passporting“: Bislang können Finanzdienstleister bei der britischen Finanzaufsichtsbehörde eine Genehmigung für ihr Geschäft einholen und sind damit automatisch in der gesamten EU zugelassen. Dass diese liberale Regelung nach einem Austritt aus der EU wirksam bleibt, daran zweifeln in der Branche viele.

Und wenn der Verlierer London heißt, muss es auch Gewinner geben: Amsterdam, Dublin und Luxemburg könnten sich zu den begehrtesten Ausweichstandorten entwickeln, schätzt Black: „Diese Städte werben bereits mit fortschrittlichen Regularien, deutlichen Steuervorteilen und internationalen Fachkräften.“ Vor allem Dublin locke mit einer großen Tech-Szene und einem besonders niedrigen Steuersatz von nur zwölf Prozent für Unternehmen. Der PPRO-Chef selbst erwägt nach Medienberichten ebenfalls eine Verlagerung seiner Londoner Firmenzentrale nach Dublin.

Ein Brexit könnte die Position Londons als Start-up-Hauptstadt Europas in Frage stellen. Die Befürchtungen von Patrik Arnesson, CEO des schwedischen Start-ups Football Addicts, haben die Pläne für eine zweite UK-Niederlassung erst einmal gekippt, berichtet das „Wall Street Journal.“ Entscheidend für ihn sei es, einfach Personal anstellen und problemlos zwischen Schweden und England reisen zu lassen. Ein Motor der britischen Start-up-Szene, der starke Finanzsektor in London, hatte schon vor dem Referendum in den Leerlauf geschaltet. Rich Pleeth, Chef einer Partner-App namens Sup, berichtet von Gesprächen mit Investoren, die vor dem 23. Juni angekündigt hatten, erst einmal dessen Ergebnis abzuwarten. Nun befürchtet der Gründer, dass bis auf Weiteres kaum noch Venture Capital in die britische Hauptstadt fließen wird. Taavet Hinrikus, Chef des Payment-Dienstes Transferwise, hatte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters bereits vor dem Brexit verraten, dass in seinen Augen Berlin oder Paris als Standorte für ein europäisches Drehkreuz an Attraktivität gewinnen würden.

Doch auch große Konzerne überdenken ihr Engagement auf der Insel. So droht Vodafone laut einem Bericht der BBC mit einem Weggang aus Großbritannien, falls der freie Verkehr von Waren, Dienstleistungen und Menschen mit der EU eingeschränkt würde. Der Konzern, der in England 13.000 Menschen beschäftigt, behält sich demnach alle Optionen offen –und will zukünftig alle seine Gewinne in Euro ausweisen.

Für die deutsche Wirtschaft ist Großbritannien nicht nur als Standort, sondern vor allem als Absatzmarkt von Interesse. Entsprechend düster fielen die ersten Reaktionen auf das Wahlergebnis aus. „Der Brexit ist für die deutsche Wirtschaft ein Schlag ins Kontor“, sagte der Präsident des deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) der Nachrichtenagentur DPA, und Anton Börner, Chef des Außenhandelsverbands BGA, orakelt: „Die Briten werden die Ersten sein, die unter den wirtschaftlichen Folgen leiden werden.“

Zwar gehen die meisten Wirtschaftsexperten von einem Rückgang der britischen Wirtschaftsleistung, von höherer Inflation und einem Verlust an Kaufkraft aus, doch ein Blick auf die Aktienmärkte offenbart derweil Erstaunliches. Sowohl der deutsche DAX als auch sein britisches Pendant FTSE 100 zogen in den Tagen vor dem Referendum spürbar an, um dann – unmittelbar nach Bekanntgabe der Ergebnisse – abzustürzen. Der DAX verlor binnen weniger Stunden über 800 Punkte und büßte damit fast zehn Prozent an Wert ein – selbst die Lehman-Pleite im Jahr 2008 hatte sich nicht so gravierend ausgewirkt. Die Kurve des FTSE 100 verlief am 24. Juni ähnlich. In den Tagen danach konnte der britische Aktienindex seine Verluste jedoch fast wieder wettmachen, während der DAX auf deutlich niedrigerem Niveau verharrt.

Werber geben sich gelassen

„Das Beste aus der Situation machen“, so lassen sich die Reaktionen der Online-Werbebranche auf die Brexit-Entscheidung zusammenfassen. „Ich bin sehr enttäuscht, aber der Wähler hat gesprochen“, sagt Sir Martin Sorrell, britischer Staatsbürger und CEO des weltgrößten Werbenetzwerks WPP. Er befürchtet Störungen bei allfälligen Entscheidungsprozessen aufgrund der nun einsetzenden Unsicherheit. Vier der zehn wichtigsten WPP-Zielmärkte befinden sich auf dem westeuropäischen Festland, erklärt Sorrell weiter, dort wolle man die eigene Präsenz weiter verstärken. Dabei ziele die WPP-Expansionsstrategie darauf ab, Märkte länderübergreifend zu entwickeln, „was ironischerweise bedeutet, Menschen zum Arbeiten zusammen- und nicht auseinanderzubringen.“

Ian Twinn, Generaldirektor des britischen Werbe-Branchenverbandes ISBA (Incorporated Society of British Advertisers) preist in einem Statement die Stärken des Werbe-Standorts UK: „Die britische Werbe-Industrie bleibt ein starker Global Player, und wir sind zuversichtlich, dass dieses Wahlergebnis uns viele Möglichkeiten bieten wird, wenn sich der Rauch erst einmal verzogen hat.“ Twinn rechnet damit, dass sich viele der EU-Verbraucherschutzregeln auch zukünftig im britischen Recht wiederfinden werden.

Diese Haltung findet nicht nur in Großbritannien Unterstützung. Auch Christian Geyer, Gründer und CEO des Starnberger Search-Retargeting-Anbieters Nano Interactive, sieht keinen Grund zur Panik: „Ich erwarte keinen Einbruch des digitalen Werbemarktes – auf beiden Seiten.“ Dafür, so sagt der ehemalige Deutschlandchef von Valueclick (heute Conversant), seien die Geschäftsbeziehungen zu etabliert und zu gereift. Allerdings befürchtet Geyer einen erhöhten Verwaltungsaufwand für die Betreuung ausländischer Kunden. Und durch das Ausscheiden Großbritanniens aus der EU werde auch das Aushandeln internationaler Rahmenbedingungen, etwa beim Verbraucher- und beim Datenschutz, für die digitale Wirtschaft schwieriger.

Aldi und Lidl als Profiteure des Ausstiegs?

Konkreter sind die Befürchtungen im E-Commerce, vor allem vor einer dauerhaften Eintrübung des Konsumklimas und einem erlahmenden Wirtschaftswachstum. Käme es tatsächlich zu einer Rezession auf der Insel, könnte sie zum Beispiel Tesco treffen, einen der Pioniere im Online-Lebensmittelhandel und mit 2,9 Milliarden Pfund Web-Umsatz im Königreich nach Amazon die Nummer zwei unter den Online-Retailern Großbritanniens. Nach einer Analyse des britischen Wirtschaftsforschungsunternehmens Research Farm stehen Tesco, ebenso wie seinen drei etablierten Wettbewerbern Sainsbury, Asda und Morrisons, harte Jahre bevor, geprägt durch steigende Inflation und sinkende Kaufkraft der Kunden.

Ausnutzen, so prognostiziert Research-Farm-Analystin Louise Harper, werden dies vor allem zwei aggressive Player aus Deutschland: Aldi und Lidl. Sie treiben bereits jetzt mit einem gnadenlosen Preiskampf die heimische Konkurrenz vor sich her. Angesichts solcher Aussichten erscheint es zweifelhaft, dass sich Tesco kostspielige Experimente im Bereich des Online-Lebensmittelverkaufs in Zukunft noch wird leisten können.

Sofortigen Handlungsbedarf für deutsche Online-Händler sieht Oliver Prothmann, Präsident des Bundesverbandes Onlinehandel (BVOH): Das Pfund habe gegenüber dem Euro deutlich an Wert eingebüßt, deshalb müssten Online-Händler umgehend ihre Preise in Angeboten überprüfen, die in Pfund Sterling abgerechnet werden. Was sich bei einzelnen Artikeln mit Tagespreisen von selbst versteht, entbehrt jedoch nicht einer gewissen Tücke, wenn es sich etwa um einen laufenden Vertrag für einen Webspace oder ein Abo handelt. Dauerhaft geht der Verband von einer deutlichen Verunsicherung britischer Konsumenten und einem deutlichen Rückgang der Kaufkraft aus.

Doch Prothmann erwartet den Schrecken nicht nur im Königreich: „Die Folgen des Brexits werden für alle recht schnell zu spüren sein“, heißt es in einer BVOH-Presseerklärung. Auch die EU werde durch dieses Thema für einige Zeit gelähmt sein und könne sich dadurch auf andere Themen, wie etwa die Bekämpfung von Vertriebsbeschränkungen durch Markenartikler, nicht konzentrieren.

Roland Fesenmayr, Gründer und Vorstand des Online-Shop-Anbieters Oxid eSales, sorgt sich derweil um die Zukunft des grenzüberschreitenden Handels, der in Europa immer breiteren Raum einnimmt. Zwar setzt Fesenmayr darauf, dass die EU und das Vereinigte Königreich sich nach Ende der Scheidungsverhandlungen auf ein Handelsabkommen einigen werden, das den Im- und Export von Gütern über den Ärmelkanal möglich macht. Doch Fesenmayr erwartet gravierende Verschlechterungen im Logistikbereich: „Im Moment kann in der EU grenzüberschreitend bestellt werden, die Ware ist nach drei Tagen beim Endkunden. Demnächst könnte es heißen: Heute bestellt, morgen beim Zoll – Wochen später beim Endkunden. Dazu kommen Gebühren und Zusatzkosten.“

Diese könnten vor allem kleine und mittlere Online-Händler zu spüren bekommen, warnt Florian Seikel vom Händlerbund. Denn im Gegensatz zu Großkonzernen könnten sie kaum strategische Partnerschaften mit Herstellern und Logistikkonzernen schließen und so Beschaffung und Vertrieb ihrer Waren weiterhin effizient halten. Ein Nutznießer dieser Situation könnte Amazon sein, der nicht nur in Deutschland der Online-Konkurrenz bereits davongeeilt ist. ❚


„Müssen unsere Umsatz-Erwartungen neu justieren“

Wilfried Beeck

Der Internet-Unternehmer gründete einst Intershop mit und ist heute CEO der ebenfalls von ihm gegründeten ePages GmbH www.epages.de

Hat das Abstimmungsergebnis Sie überrascht?

Wilfried Beeck: Wir waren natürlich in den letzten Wochen darauf vorbereitet, dass es eng werden würde, aber am Morgen nach der Abstimmung war ich doch überrascht. Ich weiß, dass in England noch viele Menschen leben, die der alten Zeit nachhängen, aber dass das noch einmal so zurückschlägt, das habe ich nicht geglaubt.

Wie betrifft der Brexit ePages?

Beeck: Wir haben in London ein relativ kleines Team, aber doch eine ganze Reihe von Kunden. Kurzfristig müssen wir, verursacht durch die Kursschwankungen des Pfundes, unsere Umsatzerwartungen neu justieren.

Und langfristig?

Beeck: Wir steuern von Großbritannien aus unsere gesamte internationale Kommunikation. Wir haben dort eine eigene Limited, es wird sich zeigen, welche Änderungen da auf uns zukommen, zum Beispiel bei der Besteuerung.

Großbritannien war immer der Internet-Schrittmacher in Europa. Wird sich das nach einem Brexit ändern?

Beeck: Ich glaube nicht. Im Online-Geschäft wird es wohl dabei bleiben, dass die Amerikaner zuerst auf den englischen Markt gehen und viele der Trends, die in den USA gemacht und finanziert werden, dort zuerst aufschlagen. Das hat ganz einfach mit der Sprache zu tun. Deshalb glaube ich, dass Großbritannien für die Online-Branche ein innovativer Markt bleiben wird – und dass es für uns wichtig bleiben wird, dort dabei zu sein.

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