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Fokus zum Break-even

Das Social Start-up Coffee Circle wollte nach der Gründung viele Verkaufskanäle zugleich aufbauen. Heute wissen die Gründer: Nur Fokussierung bringt Erfolg

Wenn man den Mitgründer des Social Start-ups Coffee Circle, Robert Rudnick, fragt, was für ein erfolgreiches Start-up am wichtigsten ist, muss er nicht lange nachdenken: „Nicht gründen, um dem Geld hinterherzulaufen, sondern das machen, was einem wirklich wichtig ist. Und den Fokus auf das legen, was man am besten kann“, sagt der ehemalige Unternehmensberater nicht ohne Grund. Denn das 2010 gegründete Unternehmen verzettelte sich nach dem Abschluss zweier kleiner Finanzierungsrunden total mit den Möglichkeiten, die sich ihnen plötzlich boten.

Neben dem Aufbau eines Online-Shops – ohne CTO oder Online-Marketing-Experten im Gründungsteam – erlaubten zwei kleinere Finanzierungsrunden, unter anderem mit Tengelmann, es dem Social Start-up, bei Kaiser’s und der Hälfte aller Migros-Filialen in der Schweiz gelistet zu werden. „Das kostet normalerweise einen sechsstelligen Euro-Betrag, und bei ausbleibendem Erfolg ist man nach drei Monaten wieder weg vom Fenster. Wir konnten das umsonst ausprobieren“, erklärt Rudnick die damalige Euphorie im Team. Zeitgleich kümmerte sich das Team auch noch um den Aufbau eines B2B-Geschäfts für Firmenkunden und Cafés.

Doch die Ressourcen, die Coffee Circle in den Aufbau des Stationärgeschäfts investierte, zahlten sich nicht aus: „Den Leuten vor dem Kaffeeregal war einfach nicht klar, warum sie jetzt für teuer Geld eine ih nen vollkommen unbekannte Marke kaufen sollten“, erinnert sich Rudnick. Das Learning daraus: Ohne entsprechenden Marketingdruck, den man nicht finanzieren konnte, funktioniert Einzelhandel für Coffee Circle nicht.

Mit weniger Leuten mehr Umsatz erzielt

Ende 2014, nach einem Jahr, in dem der finanzielle Druck so stark war, dass „Umsatz“ firmenintern zum Unwort des Jahres erklärt wurde, musste Coffee Circle dann rund ein Drittel der Belegschaft entlassen. Und plötzlich lief alles besser. „Wir machen das, was wir am besten können – Verkauf an Endkunden online. Und das sehr fokussiert und mit geringen Budgets“, sagt Rudnick. Und trotz weniger Manpower zeigte die Wachstumskurve steiler nach oben als 2014.

Den Turnaround aus eigener Kraft erklärt Rudnick unter anderem damit, dass hinter dem Unternehmen, seinen Produkten und seinen Projekten wirklich Substanz stecke. Denn die Herzensangelegenheit des Social Start-ups ist nicht nur, einige der besten Kaffees der Welt zu verkaufen, sondern diesen auch noch fair zu handeln und bei den äthiopischen Kaffeebauern vor Ort Aufbauhilfe zu leisten. Über diese Projekte und die Arbeit in Äthiopien erzählt das Coffee Circle Team in Videos, Blogeinträgen und in sozialen Medien.

Allerdings muss Rudnick zugeben, dass Menschen, die bereit sind, 20 bis 43 Euro für ein Kilo Kaffee auszugeben, das vor allem tun, weil ihnen der Kaffee schmeckt. Doch auch hier baute sich Coffee Circle durch viel Engagement in Sachen Content Marketing ein Image als Kaffeekenner auf. Das hilft nicht nur dabei, Neukunden zu motivieren, doch mal ein Paket Kaffee zu bestellen. Auch in Sachen SEO kann Coffee Circle mit seinen Inhalten punkten.

Aktuell sieht Rudnick als größtes Manko, dass sein Shop noch nicht mobiloptimiert ist, obwohl jeder zweite Besucher Coffee Circle via Smartphone oder Tablet ansteuert. Doch Besserung ist in Sicht. Ein für Ende des Jahres geplanter Relaunch wird nicht nur das Frontend verändern, sondern auch die Einführung eines ERP mit sich bringen. Und während drei der Mitbewerber, die mit ihnen an den Start gingen, schon Insolvenz anmelden mussten, plant Coffee Circle eine weitere Finanzierungsrunde. „Es gibt noch ganz viel Wachstumspotenzial mit unserem Handelsmodell“, ist Rudnick überzeugt. „Unser Ziel ist es, zu wachsen. Dafür müssen wir die Webseite professionalisieren und Geld in Reichweite investieren.“ ❚


Fakten

Gründung

2010 als Social Start-up von drei ausgestiegenen Unternehmensberatern.

Anzahl Mitarbeiter

Nach einer Entlassungswelle 2014, bei der ein Drittel der Belegschaft gehen musste, arbeiten heute 25 Mitarbeiter für das Unternehmen. Sämtliche Aufgaben werden inhouse ohne Agenturunterstützung erledigt.

Umsatzangaben

Das Unternehmen wickelt unbestätigten Medienberichten zufolge 7.000 Bestellungen pro Monat ab, 3.000 Kunden beziehen ihren Kaffee per Abo. Die Zahl der aktiven Firmenkunden liegt bei 200, die Zahl der Café-Kunden bei 100. Das Wachstum wird auf jährlich 60 Prozent beziffert. Vor acht Monaten wurde der Break-even vor Abschreibungen geschafft.

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