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Nörgeln reicht nicht

In Deutschland fehlt das Verständnis für die Folgen der Digitalisierung

„In den Chefetagen der Konzerne sitzt die Generation, die noch vor 30 Jahren gegen eine einfache Volkszählung protestiert hat“

Christian Sauer Geschäftsführender Gesellschafter der Webtrekk GmbH www.webtrekk.de

Zwar hat unsere Kanzlerin erkannt, dass Deutschland in naher Zukunft zum Hardwareproduzenten degradiert werden könnte. Aber der größere Teil der Gesellschaft hinkt im Verständnis für die Folgen der Digitalisierung hinterher – in einer Welt, in der die digitale Vernetzung zum wichtigsten Wachstumstreiber geworden ist und Google allein fast den Wert aller Dax-Unternehmen erreicht hat.

Die ewige Klage über die Werbung

Deutsche beschweren sich liebend gerne darüber, dass Produktwerbung im Internet sie verfolgt. Im nächsten Moment suchen sie eine Kaffeemaschine bei Google, kaufen diese bei Amazon und posten den Erwerb bei Facebook. Während hier ansässige Unternehmen das Arbeiten mit Daten für anrüchig halten und die Rechtmäßigkeit jeder datengetriebenen Marketingmaßnahme auch von den lokalen Datenschutzbehörden regelmäßig hinterfragt wird, überholen uns die GAFAs (Google, Apple, Facebook, Amazon) rechts. Heute Morgen habe ich dem Taxifahrer mithilfe von Google Maps erklärt, welches die schnellste Strecke zum Flughafen ohne Stau ist. Unsere weltmarktführenden Autohersteller haben es bis jetzt nicht geschafft, ein solches System zu entwickeln. Warum? Weil das Senden einer anonymen Information über den Standort eines Autos in Deutschland als datenschutzrechtlich fragwürdig gilt. Wir trauen uns nicht.

In den Chefetagen der Konzerne sitzt die Generation, die noch vor 30 Jahren gegen eine einfache Volkszählung demonstriert hat. Die föderalen Verfassungsschützer teilen ihre Daten nicht einmal mit dem Nachbarbundesland. Der BND darf keine Keywords im Internet filtern, während der Bürger zum Snowden-Skandal der NSA denkt: Einer muss ja den Terror bekämpfen.

Die GfK hat in einer Umfrage bei Konzernen mit über 250 Millionen Euro Umsatz kürzlich festgestellt, dass sich nur sechs Prozent der Topmanager mit der Digitalisierung als Topthema beschäftigen. Das klingt nicht nach Aufbruch.

Die Unfähigkeit des Volkes im Umgang mit Daten kulminiert in einer politischen Elite, die sich für nicht zuständig hält. Der typische Unterton jeder Diskussion bei den Verhandlungen zur Datenschutzgrundverordnung war: „Wir müssen das anders machen als die Amerikaner. Es geht nicht um Wachstum, sondern um die Moral.“

Eine Vereinheitlichung des Datenschutzes auf europäischer Ebene ist zu begrüßen. Es sind viele gute Regelungen getroffen worden. Aber das Zustimmungserfordernis für die Verarbeitung personenbezogener Daten hat vier amerikanische Gewinner geschaffen: Die GAFAs. Wenn man Online-Marketing nur noch mit aktiver Zustimmung des Kunden machen darf, dann wird dieser Markt in Zukunft ausschließlich von den GAFAs bespielt. Das sind die Unternehmen, denen die Deutschen am meisten vertrauen. War das das Ziel, liebe Politiker?

Lasst uns endlich akzeptieren, dass unsere Welt in einer radikalen Änderung begriffen ist. Wir sollten versuchen, aktiv mitzuwirken, anstatt nörgelnd in der Ecke zu stehen und gleichzeitig von der unglaublichen Convenience eines Amazon-Toilettenpapier-Abos zu schwärmen. ❚

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