INTERNET WORLD Business





Gekonnt renovieren

Wenn die Technik lahmt, das Design veraltet ist und die Kunden ausbleiben, ist es Zeit für einen Relaunch. Das bedeutet viel Arbeit neben dem laufenden Betrieb – lohnt sich aber

Die gute Nachricht vorweg: Viele Shop-Betreiber, die unlängst einen Relaunch hinter sich gebracht haben, haben ihn ohne größere Probleme überstanden. „Es mag vielleicht verwunderlich klingen, ist aber glücklicherweise so: Das Projekt ist sehr positiv verlaufen, auch rückblickend würden wir nichts anders machen“, erinnert sich Michaela Aubele, Leiterin E-Commerce beim Plüschtier-Hersteller Steiff. Und auch Per Dalheimer, als Geschäftsführer bei Hugendubel Digital für den Buch-Shop Hugendubel.de verantwortlich, resümiert stolz: „Wir sind pünktlich im vorgesehenen Zeit- und Kostenrahmen live gegangen. Das war für uns das Wichtigste. Abgesehen von typischen Kinderkrankheiten hatten wir keine Probleme.“

Die Gründe für einen Relaunch sind vielfältig. Bei Hugendubel Digital stand eine Veränderung im Unternehmen hinter diesem Schritt: Im Juli vergangenen Jahres übernahm Hugendubel die Libri-Tochter Ebook.de und holte sich damit das Know-how für die Gestaltung seines Internet-Auftritts ins Haus. Der neue Hugendubel-Shop, der Ende Juli 2015 online ging, basiert nun auf einer von Ebook.de gemeinsam mit der Hamburger Software-Firma Freiheit.com selbst entwickelten und im Laufe der vergangenen zehn Jahre stetig ausgebauten Shop-Software. Auch das dahinterliegende Enterprise-Resource-Planing-System (ERP) und das Product-Information-Management-System sind Inhouse-Entwicklungen von Ebook.de.

Mit dem Systemwechsel führte Hugendubel gleichzeitig ein neues Kampagnen-Management-System von Apteco ein. Den E-Mail-Versand wickelt der Buchhändler seither über das E-Mail-System von Emarsys ab, als Recommendation Engine kommt die Lösung von Prudsys zum Einsatz.

Mit dem Relaunch wurden etliche Multi-Channel-Funktionen implementiert. „Die Frage war und treibt uns weiter täglich an: Wie können wir gegenüber unseren Kunden mit einem einheitlichen Gesicht auftreten und alle Leistungen sowohl aus dem Online-Shop als auch aus dem Stationärgeschäft abbilden?“, sagt Per Dalheimer. So sind über den Shop mittlerweile alle Artikel von Hugendubel (rund zehn Millionen) auch in den Filialen verfügbar. Der Kunde kann Artikel direkt vor Ort bestellen und sich portofrei nach Hause schicken lassen.

Die größte Herausforderung im Rahmen des Relaunchs war die Anbindung alle Lieferanten an das ERP und das Shop-System. Auch wenn hierfür standardisierte Formate zum Einsatz kommen, muss letztlich jeder Lieferant individuell angebunden werden, um die zeitnahe Aktualisierung der Lieferanteninformationen wie zum Beispiel Preise oder Verfügbarkeiten gewährleisten zu können. „Unser Katalog mit zehn Millionen Artikeln aktualisiert sich laufend auf Basis der Lieferantenmeldungen“, sagt Dalheimer nicht ohne Stolz, „allein diese reine Datenmenge effizient im Backend zu verarbeiten, stellt eine große Herausforderung dar.“

Schnellere Modifikation des Shops war Wunsch von Steiff

Die Shop-Technologie auf den neuesten Stand zu bringen war auch für Steiff ein entscheidender Grund für den Relaunch. Ziel war, künftige Modifikationen am Shop sowie den Rollout des Shops in weiteren Ländern schneller und unkomplizierter vornehmen zu können. Gleichzeitig sollten Usability- und Conversion-Hindernisse ausgeräumt werden. Es erfolgte ein System-Upgrade von der Magento Community Edition auf die Enterprise Edition. Parallel wurden alle spezifischen Funktionalitäten des Product-Information-Management-Systems (PIM) in die bestehende, unternehmensweite Media-Datenbank übernommen und in die internen Prozesse integriert. Die Produktdaten werden seither zentral vorgehalten. „Dadurch lassen sich sowohl Fehler in den Produktdaten vermeiden als auch Prozesse vereinfachen und beschleunigen“, sagt Michaela Aubele von Steiff.

Der komplette Relaunch, den die Münchner Agentur Mzentrale übernommen hatte, dauerte laut Aubele nur fünf Monate, inklusive der System-Migration in vier Ländern. Möglich war dies unter anderem durch den Einsatz der agilen Software-Entwicklungsmethode Scrum. „Dadurch konnten wir bereits während der Projektlaufzeit kontinuierlich Systemtests und Layout-Optimierungen durchführen. So konnten wir das Projekt schlussendlich ohne ein detailliertes Pflichtenheft in Time und Budget durchführen“, sagt Aubele.

Der Aufwand hat sich gelohnt: „Wir sind sehr zufrieden. Das Feedback der Kunden ist durchweg positiv und die Kennzahlen zeigen alle in eine positive Richtung“, freut sich die Leiterin E-Commerce.

Zufrieden mit ihrem Relaunch ist auch Natalie Suessmann: „Wir hatten den Anspruch, auf Bench.de einen digitalen Hub zu kreieren, der Online-Store, Social-Media-Kanäle und den eigenen Blog miteinander verbindet. Nun haben wir neben dem neuen Online-Store ein komplett neues Markenschaufenster für Bench geschaffen“, freut sich die Marketingleiterin, die bei dem Modelabel Bench auch den Bereich E-Commerce verantwortet. Im Februar dieses Jahres ging der neue Shop online. Neun Monate dauerte der Relaunch vom ersten Pitch-Termin bis zum Live-Gang. Verantwortliche Agentur war Superreal aus Hamburg.

Grund für den Relaunch war auch bei Bench eine veraltete Shop-Software. „Wir haben den Relaunch dazu genutzt, alle Systeme zu überprüfen und haben diese größtenteils neu eingeführt. Wir nutzen nun statt Magento das Shop-System von Oxid inklusive des Content-Management-Systems (CMS). Zudem haben wir die Tracking-Lösung Webtrekk angebunden. Der E-Mail-Versand erfolgt über Optivo“, so Suessman. Der Vorteil: Das eigene Team kann inhouse sehr flexibel mit diesen Lösungen arbeiten. Als besonderes Highlight für seine Kunden bietet Bench über den Musikdienst Soundcloud jetzt einen eigenen Musikkanal an.

Für einen kompletten Systemwechsel hat sich auch der Modelleisenbahn-Hersteller Märklin im vergangenen Jahr entschieden. Sowohl der Online-Shop als auch die Unternehmens-Website wurden auf eine neue technische Basis gestellt: Das bestehende Shop-System Oxid wurde durch Shopware 5 ersetzt, das selbst entwickelte CMS der Website musste dem Typo3-System Platz machen.

Nach einem halben Jahr konnte der neue Shop im August 2015 starten. Zwei Monate später folgte die neue Unternehmens-Website. Auch bei Märklin setzte die betreuende Agentur 21Torr aus Reutlingen auf eine agile Projektarbeit. „So konnten wir die drei Gewerke – technische Basis, Shop und Webseite – parallel angehen und möglichst viele Gestaltungselemente zwischen Shop und Website gemeinsam nutzen“, erklärt Jörg Iske, Marketingleiter bei Märklin. Zudem wurden Systeme zusammengeführt: Das von 21Torr entwickelte PIM-System wurde in Typo3 integriert.

Die größte Schwierigkeit bestand laut Iske darin, dass die Altsysteme während des Relaunchs parallel in Betrieb bleiben mussten, um keine Ausfallzeiten oder Fehler zu produzieren. Der Umgang mit den knappen internen und externen Ressourcen war für Michaela Aubele von Steiff eine große Herausforderung: „Mit der bestehenden Mannschaft musste natürlich das Tagesgeschäft parallel weitergeführt werden. Daher war für uns eine realistische Zeitplanung besonders wichtig.“

Ihrer Meinung nach steht und fällt das Projekt mit der sorgfältigen Auswahl des Dienstleisters: „Die Chemie zwischen Agentur und Unternehmen muss einfach stimmen, da eine langfristige Zusammenarbeit das Ziel sein sollte. Hier sollte man sich auch ein Stück weit auf sein Bauchgefühl verlassen.“ Außerdem empfiehlt sie einen kritischen Blick auf die internen Ressourcen sowie das Einplanen zeitlicher Puffer für unerwartete Verzögerungen.

Der SEO-Transfer braucht Zeit und ein Konzept

Für Per Dalheimer von Hugendubel ist SEO ein wichtiges Thema. Er empfiehlt, vor jedem Relaunch ein umfassendes SEO-Konzept zu erarbeiten. „Der SEO-Transfer benötigt eine akribische Planung und damit ausreichend Vorlauf und Zeit. Aber es lohnt sich, in dieses Thema viel Arbeit reinzustecken, denn wer hier gut vorbereitet ist, kann damit seine schon gute Position bei Google sichern oder sie sogar verbessern“, ist sich Dalheimer sicher.

Vorteile für SEO bringt zudem die Umstellung auf Response Design, zu der sich übrigens alle vier Shop-Betreiber im Zuge des Relaunchs entschlossen haben. Denn sie alle verzeichnen einen stetigen Anstieg der mobilen Zugriffe, bei Bench machen sie bereits mehr als die Hälfte des Traffics aus.

Schon wegen der sich ständig ändernden Nutzungsgewohnheiten heißt die Devise wohl immer: Dranbleiben. „Man wird nie einen Shop haben, der zu 100 Prozent fertig ist. Nach dem Relaunch ist vor der Optimierung“, so Suessmanns Fazit.


5 Relaunch-Tipps

301-Weiterleitungen

Am wichtigsten bei einem Relaunch sind sicherlich 301-Weiterleitungen: Sie sorgen bei geänderten URLs dafür, dass die Signale der alten Seiten auf die neuen Seiten übertragen werden. Weiterleitungen sollten unbedingt vor dem Go Live getestet werden.

Google-Richtlinien beachten

Aus den Richtlinien lassen sich Anforderungen an die neue Website ableiten, wie verschlüsselte Https-Verbindungen und Barrierefreiheit. Interessant ist auch die Empfehlung, relevante Texte nicht zu verstecken, etwa indem die Nutzung von Tabs auf Produktdetailseiten relevante Inhalte entwertet.

Seitentypen kritisch prüfen

Segmentieren Sie die Website vor dem Relaunch in unterschiedliche Seitentypen und prüfen Sie, welche Teile über- und welche unterdurchschnittlich gute SEO-Ergebnisse bringen. Wenn Produktdetailseiten nur fünf Prozent des organischen Traffics ausmachen, ist das in der Regel zu wenig. Dann sollte man seine Seiten kritisch hinterfragen: Gibt es genügend Inhalte? Sind sie auf Suchbegriffe ausgerichtet?

Mobiltauglichkeit und Geschwindigkeit

Achten Sie auf die Mobiltauglichkeit der Website. Es ist aber mindestens genauso wichtig, dass die Nutzer schnell und effizient damit arbeiten können. Und: Auch die Ladegeschwindigkeit wird immer wichtiger.

Markups nutzen

Strukturierte Daten werden in Zukunft wahrscheinlich noch wichtiger werden. Implementieren Sie daher alle relevanten Schemata, die die Suchmaschinenbetreiber mit der Auszeichnungssprache Schema.org festgelegt haben. Bei Shops sind das z. B. Product, Offer, Review und Aggregate Rating.

Weitere Bilder
comments powered by Disqus