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Kein doppelter Boden

Snapchat hat eine attraktive junge Zielgruppe, die sich bislang aber kaum analysieren ließ. Nun kommen erste Tools auf den Markt. Doch ihr Einsatz ist nicht ohne Risiko

Für viele neue Nutzer und Werbungtreibende ist der Messenger-Dienst Snapchat im ersten Moment verwirrend, denn die Bedienung, das Layout und das User Interface der App unterscheiden sich grundlegend von anderen Messengern wie Whatsapp. Dennoch soll der Dienst mit dem kleinen Geist im Logo inzwischen täglich 150 Millionen User rund um den Globus anlocken. 84 Prozent von ihnen sind einer Umfrage des Global Web Index zufolge unter 34 Jahre alt.

Wenn Werbungtreibende oder Publisher diese sehr attraktive Zielgruppe ansprechen und ihre Ergebnisse anschließend auch auswerten wollen, stoßen sie schnell auf ein Problem: Snapchat bietet noch keine offizielle API an – also keine Programmierschnittstelle, über die Unternehmen direkt auf Nutzerdaten von Snapchat zugreifen können. Das bringt Risiken mit sich. „Da es keine offizielle API gibt, besteht immer die Gefahr, dass Daten geleaked oder Accounts gelöscht werden“, erklärt Vincent Nicolai, Geschäftsführer der Berliner Social-Media-Agentur Buddybrand. Denn wer auf Drittanbieter wie Snaplytics, Wicked Society oder Mish Guru setzt, riskiert, dass Daten ungewollt offengelegt werden.

Drittanbieter: Pro und Contra

Da es bei Snapchat noch keine Business-Profile gibt, ist jeder Account ein Standard-Account. Der normale Nutzer, ob Privatperson oder Unternehmen, erhält von Snapchat lediglich die Information, wie oft ein Snap angesehen (View) und ob ein Screenshot gemacht wurde. Nicht einmal die aktuelle Follower-Zahl ist ablesbar. Wer wissen möchte, wie viele Nutzer ihm folgen, muss dies händisch in einer Liste festhalten.

Über Excel-Tabellen und umständliche Berechnungen kann des Weiteren die Completion-Rate (Wie viele Nutzer haben eine Story aus mehreren Snaps zu Ende geschaut?) berechnet werden. Da die Daten nach exakt 24 Stunden verschwinden, ist Eile geboten. Denn wer die Frist verschläft, hat überhaupt keinen Zugriff mehr auf die Nutzungsdaten. Abhilfe wollen hier Drittanbieter-Apps wie Snaplytics schaffen. Das Tech-Unternehmen aus Schweden bietet seinen Nutzern ein Dashboard (siehe Screenshot) an. Wer bereit ist, 299 US-Dollar im Monat für die Pro-Version zu zahlen, erhält allerlei Informationen wie Nutzerzahlen und Performance-Daten und kann sogar den Zeitpunkt für Posts festlegen. Das ist sonst nicht möglich.

Wie Snaplytics an seine Informationen gelangt, ist nicht ganz klar. „Wir haben unsere eigene, geheime Technologie entwickelt. Die Daten kommen direkt von Snapchat, aber nicht durch eine API“, erläutert Anders Landau, Chief Product Officer und Mitbegründer von Snaplytics. Mittlerweile vertrauen 100 zahlende Kunden auf Snaplytics. Tendenz steigend.

Nach Angaben von Landau wurde trotz der fehlenden offiziellen Schnittstelle noch kein Account gesperrt. Das kann sich aber schlagartig ändern, wenn Snapchat seine Politik ändert oder eigene Analyse-Tools auf den Markt bringt. Bis dahin ist Snaplytics trotz der hohen monatlichen Kosten Marktführer im Bereich der Snapchat-Analyse-Tools – auch weil viele Vorstände nur ein Marketing-Budget für neue Kanäle gewähren, wenn es entsprechende Erfolgszahlen gibt. Das wiederum ist gut für das schwedische Geschäftsmodell.

Vincent Nicolai von Buddybrand würde „abwarten und nach Gefühl targeten“. Er ist sich sicher, dass in den nächsten Monaten eine offizielle API kommt. ❚


Die Mitbewerber

Neben Snaplytics versuchen sich einige weitere Unternehmen auf dem Markt für Snapchat-Analyse-Tools zu etablieren. Eine Auswahl:

• A Little Nation (Europa)

• Wicked Society (Europa)

• Delmondo (USA)

• Naritiv (USA)

• Gnack (USA)

• Mish Guru (Neuseeland)

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