INTERNET WORLD Business





Die Grenzen des Wachstums

Die Übernahme der Agentur Webguerillas zeigt: Für Digital-Agenturen wird es schwieriger, am Markt weiter als Einzelkämpfer zu agieren. Gefragt sind deshalb finanzstarke Partner

David Eicher, Chef der Webguerillas, verkauft seine Anteile an Territory. Sein neuer CEO: Soheil Dastyari

Die letzten Wochen rannten sie ihm fast die Bude ein. Jeden Monat führte David Eicher Gespräche mit Unternehmen, die seine Digital-Agentur Webguerillas übernehmen wollten. Trotzdem kam die Nachricht, dass er seinen Laden jetzt tatsächlich verkauft, für die gesamte Branche überraschend. Zum einen, weil der Käufer Territory ist, ein noch ziemlich junges, frisch zusammengewürfeltes Unternehmen von Gruner + Jahr, das seine Schlagkraft erst noch unter Beweis stellen muss. Zum anderen, weil David Eicher als Unternehmer stets stolz auf seine Unabhängigkeit und mit dieser Haltung wirtschaftlich sehr erfolgreich war – mit vier Standorten in Deutschland, namhaften Kunden wie Saturn oder Hornbach und zuletzt einem Umsatz von rund 18 Millionen Euro. Doch am Ende genügte das alles nicht mehr.

Nötige Ressourcen fürinternationale Expansion

Unter dem Territory-Dach habe man nun ganz andere Ressourcen und viele neue Perspektiven, beispielsweise im Hinblick auf die Internationalisierung. „Ich wollte noch einmal den Riesenschritt machen. Das ist mit Bordmitteln nur begrenzt möglich. Für eine Expansion dieser Größenordnung braucht es einen Big Bang“, sagt Eicher.

Tatsächlich stehen viele kleine Spezialagenturen derzeit vor der Frage, wie es mit ihnen weitergehen soll. Die letzten Jahre haben sie ansehnliche Zuwachsraten erzielt, neue Mitarbeiter geholt, Stockwerke dazugemietet, die Zahl ihrer Standorte ausgebaut. Für den nächsten Step sind jetzt aber hohe Investitionen nötig, zudem extrem spezialisierte Angestellte sowie eine Präsenz im Ausland. Viele stehen dann vor der Wahl: weitermachen wie bisher oder sich einen starken Partner suchen. Dafür scheint der Zeitpunkt nun günstig. Agenturen, Unternehmensberatungen und Software-Häuser sehen sich am Markt gerade intensiv nach Digital-Spezialisten um, die Anteile verkaufen wollen. „Der Markt konsolidiert sich derzeit enorm“, sagt Eicher.

„Viele Agenturen sind bislang nur in einem Segment stark. Entweder sind sie kreativ oder technikgetrieben“, sagt Felix Holzapfel, CEO Germany der Agentur Zone. Daher müssten viele nachrüsten oder eben zukaufen, wenn sie konkurrenzfähig bleiben wollen. Felix Holzapfel hatte mit seinem Bruder Klaus die Digital-Agentur Conceptbakery gegründet und diese im Januar an die englische Digital-Agentur Zone verkauft. Auch hier lautete das Hauptargument, dass für eine weitere Entwicklung eine kritische Größe notwendig sei, sonst könne man keine technischen High-End-Lösungen bieten. Holzapfel: „Wir in Deutschland greifen nun auf ein größeres und internationaleres Entwicklerteam zu. Und unsere Kollegen in Großbritannien profitieren vom Zugang zum deutschen Markt.“

Vor allem die großen Network-Agenturen scannen derzeit den Markt und verstärken sich in der digitalen Nische. Im Juni 2015 legte sich die Starcom Mediavest Group, die zum Publicis-Verbund zählt, die Digital-Agentur Akom 360 (Standorte in München und Düsseldorf) zu. Anfang des Jahres übernahm Havas die in Hamburg ansässige und auf Ambient und Social Media spezialisierte Agentur Beebob. Die Group M, der andere weltweit agierende Konzern, hatte bereits vor zweieinhalb Jahren das Content-Marketing-Netzwerk Plista aus Berlin aufgekauft. Die Gründe klingen immer ähnlich: Man habe nach einem starken Partner gesucht, der einem die notwendigen Ressourcen für die internationale Expansion an die Hand gebe und dabei die Firma als selbstständige und unabhängige Einheit erhalte, hieß es. Doch häufig hält diese Unabhängigkeit nicht lange vor. So mancher Gründer, der als Manager an Bord bleibt, hadert mit seiner ungewohnten Rolle als Angestellter. Nicht selten kommt es zu Spannungen, etwa dann, wenn der langjährige Inhaber zum Rapport ins Headquarter des Networks reisen und dort seine Zahlen rechtfertigen muss. Häufig trennen sich dann die einstigen Gründer endgültig von ihren Unternehmen und trösten sich mit ausgiebigen Weltreisen, die sie sich nun zeitlich und finanziell leisten können.

Auch David Eicher, 55, kann sich vorstellen, sich von den Webguerillas eines Tages endgültig zu verabschieden. Es könne ihm keiner übel nehmen, wenn er mit Ende 50 aufhören würde, sagt er – bis dahin allerdings hat er noch viel vor.

Weitere Bilder
comments powered by Disqus