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Schwerer Schlag

Der Tod der Unister-Mitgründer Thomas Wagner und Oliver Schilling reißt auch ihr Unternehmen in den Abgrund

Rund zwei Wochen nach dem tödlichen Flugzeugabsturz der beiden Unister-Mitgründer Thomas Wagner und Oliver Schilling sieht die Unternehmensbilanz verheerend aus: Gut 34 Millionen Euro fällige Verbindlichkeiten bei der Hanse-Merkur-Versicherung, 800.000 Euro Schulden beim Finanzamt, offene Rechnungen über 1,2 Millionen Euro bei Yahoo und weitere offene Beträge in jeweils sechsstelliger Höhe für verschiedene Anwaltskanzleien hat der „Spiegel“ in dem ihm vorliegenden Insolvenzantrag von Unister auf der Sollseite des Internet-Portalbetreibers gesichtet. Die Habenseite sieht übersichtlicher aus: Die liquiden Mittel inklusive Kassenbestand belaufen sich laut Insolvenzantrag auf 0,00 Euro. Belastbar sind diese Zahlen nach Ansicht des vorläufigen Insolvenzverwalters Lucas Flöther allerdings noch nicht. „Die Buchhaltung ist nicht so aussagekräftig, dass wir die notwendigen Daten zügig ableiten könnten. Wir müssen uns das sehr mühsam erarbeiten“, so Flöther in einem aktuellen Interview mit der „Leipziger Volkszeitung.

Sicher ist indes, dass seit dem Absturz von Wagner und Schilling (Wagners DNA wurde an der Absturzstelle noch immer nicht eindeutig identifiziert) sieben Unister-Unternehmen Insolvenz anmelden mussten: die Unister-Holding, der Reiseveranstalter Urlaubstours, die Unister Travel Betriebsgesellschaft, unter der unter anderem die Vermittlungsportale für Pauschalreisen und Flugtickets angesiedelt sind, die Unister GmbH, die unter anderem kleinere Portale wie Auto.de und Partnersuche.de betreibt, die U-Deals GmbH als Anbieter zeitlich befristeter Reisearrangements, die Unister Factory, in der gruppeninterne Dienstleistungen wie die Buchhaltung gebündelt sind, sowie das Callcenter CS 24 Call Support. Ihre Geschäfte werden Flöther zufolge fortgeführt. Und auch die Buchungszahlen auf den Reiseportalen hätten sich trotz stark eingeschränkten Marketings schon in der ersten Woche nach dem Insolvenzantrag der Unister Holding wieder stabilisiert. Durch konstruktive Gespräche mit Geschäftspartnern und Dienstleistern konnte sichergestellt werden, dass alle in der Vergangenheit gebuchten Reisen (seit Anfang des Jahres wickelte Unister immerhin 1,2 Millionen Buchungen ab) stattfinden und auch aktuelle Buchungen sicher sind. Das und die transparente Kommunikation haben das Vertrauen der Verbraucher offenkundig wieder hergestellt.

Geldgeber warden dringend gesucht

Und das ist bei der Suche nach potenziellen Investoren und Käufern derzeit wohl eines der größten Pfunde, die die Leipziger noch in ihrer Tasche haben. Flöther zufolge ist das Interesse in der Branche groß. Schon innerhalb der ersten 24 Stunden soll sich eine hohe zweistellige Zahl potenzieller Investoren gemeldet haben, die sich für das Unternehmen als Ganzes oder für Teile, darunter insbesondere die Reiseportale Ab-in-den-Urlaub.de oder Fluege.de, interessieren. Die renommierte M & A-Beratungsgesellschaft Macquarie soll das Bieterverfahren und den Verkauf koordinieren. Branchenkenner halten es allerdings für unwahrscheinlich, dass Unister als Ganzes unter den Hammer kommt. Die technische Plattformen gelten „SZ“-Informationen zufolge als veraltet, die Mitarbeiterzahl als zu hoch.

Ohnehin kann der Kaufprozess aus insolvenzrechtlichen Gründen erst mit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens in etwa zwei bis drei Monaten abgeschlossen werden. Den in den Medien kolportierten Firmenwert von 133 Millionen Euro dementiert der Insolvenzverwalter gegenüber der „Leipziger Volkszeitung“. Man habe den einzelnen Assets noch keine Werte zugeordnet, sagte er. Und letztlich bestimme die Nachfrage den Preis.

Einen potenziellen Käufer hat das Unternehmen aber schon entschieden abgelehnt. Mitgesellschafter Daniel Kirchhof, der 15 Jahre lang als Finanzchef bei Unister agierte, aber nach dem geplatzten Verkauf der Unister-Reisesparte 2015 mit Wagner öffentlich im Clinch lag, wollte zusammen mit weiteren Investoren eine finanzielle Nothilfe bereitstellen und zusammen mit den verbliebenen Gesellschaftern die Geschäftsführung übernehmen. Doch sein Angebot fand bei den Verantwortlichen kein Gehör.

Mit jedem Detail, das durch die Insolvenz ans Licht der Öffentlichkeit kommt, wird deutlich, unter welchem Zwang die Unister-Mitgründer ihre Reise nach Venedig antraten. Und letztlich kostete sie die Suche nach einem Kreditgeber ihr Leben. ❚

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