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Ausnahmefall IPO

Die Börsengänge deutscher Start-ups sind selten geworden

„Der deutsche Sparer trägt sein Geld trotz Nullzins lieber zur Bank, als in Aktien zu investieren“

Peter Barkow, Barkow Consulting GmbH www.barkowconsulting.com

Es war in der Zeit der letzten Technologieblase. Eine nie da gewesene Euphorie entstand, die eine Vielzahl von Unternehmen mit einhornähnlichen Bewertungen an die Börse stürmen ließ. Fast 200 Börsengänge wurden im Jahre 1999 verzeichnet. Heute würden diese Börsenkandidaten oft wohl nicht einmal die Due Diligence einer Crowdfunding-Plattform überstehen.

15 Jahre später hat sich vieles geändert. Der deutsche Start-up-IPO ist nahezu ausgestorben. Ebenso ist der Neue Markt verschwunden. Doch seit 2013 scheint man sich von diesem Verlust erholt zu haben. Vehement versuchte die Politik die Deutsche Börse zu überzeugen, ein neues Börsensegment zu eröffnen. Ziel: Neuer Markt 2.0

Vor diesem Hintergrund hat das Bundesministerium im September 2015 als Ergebnis eines Forschungsprojekts die Zielvorgabe von jährlich 15 bis 20 Börsengängen junger deutscher Wachstumsunternehmen ausgerufen. Mit Blick auf Englands 170 IPOs seit 2010 erschien uns die damalige deutsche Zielvorgabe als recht niedrig.

Wir wollten Gewissheit und haben dann genau analysiert.

Die Suche beim Ministerium nach einer Definition für „junges Wachstumsunternehmen“ blieb leider erfolglos. Daher haben wir wie folgt definiert: deutsche Unternehmen unter zehn Jahre und mehr als 20 Prozent Wachstum pro Jahr. Unser Ergebnis ist eindeutig. Seit 2010 sind insgesamt vier solche Unternehmen an die Börse gegangen – und eines 2015: Windeln.de.

Auf einmal erscheint das Ziel aus Berlin sehr ambitioniert!

Gründe für die Start-up-IPO-Flaute gibt es zahlreiche. Viele sind auf die mangelnde Eigenkapital-Kultur zurückzuführen, die tief in der deutschen Bevölkerung verwurzelt ist. Der deutsche Sparer trägt sein Geld trotz Nullzins lieber zur Bank, als in Aktien zu investieren. Entsprechend lange hat es daher gedauert, bis sich überhaupt eine Venture-Capital-Szene in Deutschland etablieren konnte. Dabei sind große VC-Runden über 100 Millionen Dollar (sogenannte Private IPOS) ohne Unterstützung durch das Ausland oder Rocket Internet noch immer nahezu unmöglich. VC-Finanzierungen sind allerdings die mit Abstand wichtigste Quelle für zukünftige IPOs. Vermutlich kommt nicht eines der ca. 150 globalen Einhörner ohne Venture Capital aus.

Die Frage eines neuen Börsensegments sollte ebenso nicht zu schnell verneint werden. Wir haben zwar im Entry Standard sehr geringe Transparenzanforderungen, das Segment ist jedoch bei vielen Investoren mit einem Stigma belegt. Zudem gibt es in Deutschland zurzeit nur sehr wenige dezidierte Growth-IPO-Investoren. Das bekannte Henne-Ei-Problem ist also allgegenwärtig. Letztlich werden deutsche Start-ups sehr oft veräußert, bevor sie Börsenreife erlangen, so zum Beispiel 360T an die Deutsche Börse oder Wunderlist an Microsoft.

Doch es gibt einen Lichtblick. Deutsche VCs haben in den letzten 18 Monaten über fünf Milliarden Euro eingesammelt und acht deutsche Start-ups haben „Private IPO“-Finanzierungen von 100 Millionen Dollar oder mehr erreicht.

Zumindest für die Zukunft lässt diese Entwicklung hoffen. ❚


Start-up-Börsengänge Was andere schreiben

„Start-ups können nur sehr eingeschränkt von den günstigen Kreditkonditionen auf dem Kapitalmarkt profitieren. Oft sind sie einfach nicht in der Lage, die verlangten Sicherheiten zu liefern. Es ist wichtig, dass wir in Deutschland ausreichend alternative Finanzierungsmöglichkeiten für Start-ups schaffen. Bitkom begrüßt daher die Pläne des Bundesfinanzministeriums, einen sogenannten Tech Growth Fund mit einem Volumen von 10 Milliarden Euro einzuführen. Für jeden Euro an Wagniskapital, den ein Gründer erhält, soll er aus dem Fonds zusätzlich einen Euro Kredit erhalten.“

„Trotz des IPO-Booms besteht in Deutschland in puncto Aktien und Aktienfonds nach wie vor ein großer Nachholbedarf. Laut des Deutschen Aktieninstituts besitzen gerade einmal 8,4 Millionen Deutsche Unternehmenspapiere. Dementsprechend sind hierzulande lediglich knapp sieben Prozent des gesamten Geldvermögens in Aktien angelegt. Nicht einmal das anhaltende Niedrigzinsumfeld hat die Attraktivität der Wertpapiere steigern können.“

„Man sollte nicht unterschätzen, wie stark der Rückkopplungseffekt ist, sobald eine Stadt wie Berlin eine kritische Masse an Start-ups hat. Wenn es viele Unternehmen am selben Fleck gibt, werden sie einerseits miteinander konkurrieren und sich andererseits im Ökosystem gegenseitig stärken.“

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