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Reifen mit Delikatessen

Ausgerechnet in das Segment Delikatessen steigt Online-Reifenhändler Delticom ein. Näher betrachtet wird die überraschende Kombination zu einer runden Sache

Große Überraschung: Im Februar kaufte Delticom den Feinkosthändler Gourmondo sowie den auf Lebensmittel spezialisierten Anbieter und Logistikdienstleister ES Food für rund 30 Millionen Euro. Hoppla, Reifen und Delikatessen – wie passt das zusammen?

Anleger monierten den hohen Preis und die Modalitäten des Kaufs: Für das Geld hätte Delticom selbst eine Food-Sparte aufbauen können, so ihre Kritik. Außerdem trat Andreas Prüfer, Gesellschafter der Lebensmittel-Shops und zugleich Vorstand von Delticom, als Verkäufer und Käufer auf. „Eine externe Anwaltskanzlei zeigte uns auf, wie Delticom die Übernahme bewerkstelligen kann“, erklärt er. Berater und auch Kollegen hätten nach der Prüfung der Firmen erkannt, dass es zu lange dauern würde, die Strukturen selbst aufzubauen.

Gut möglich, dass sich noch Anwälte mit dem Deal beschäftigen. Sicher ist: Aus E-Commerce-Sicht ist die Kombination von Reifen plus Feinkost eine runde Sache. Beide Warenkategorien werden saisonal verkauft – Reifen im Herbst und im Frühjahr, Feinkost vor allem zu Weihnachten und Ostern. „Es handelt sich um haptische Produkte, die zum Kunden transportiert werden. Dafür braucht es Websites, Programmierung, Marketing“, ergänzt Prüfer. „Unser Spielfeld ist E-Commerce, darin ist Delticom gut.“ Noch besser soll das Unternehmen nun durch Erfahrungen rund um die Logistik von kleinteiligen und verderblichen Produkten werden. Delticom sieht sich nicht mehr als Reifenspezialist, sondern als Generalist.

Die Wachstumsgeschichte wird jetzt kopiert

2015 erlösten Gourmondo und ES Food, zu der Shops wie Lebensmittel.de gehören, rund 13 Millionen Euro. Jetzt sollen sie bis zu 20 Millionen Euro Umsatz schaffen, 2017 an der 100-Millionen-Euro-Marke kratzen und profitabel werden. Einen Verlust von derzeit zwei Millionen Euro pro Jahr wettzumachen dürfte da die kleinere Herausforderung sein. Für die Rentabilität setzt Delticom auf Synergien zwischen der Reifen- und der Food-Sparte in Bereichen wie Online-Marketing, Backend, Finanzen und Personal. „Wir werden Tätigkeiten der Unternehmungen, die zusammengehören, vereinen“, plant Prüfer.

Fürs Wachstum will Delticom eigene Erfolgskonzepte auf Lebensmittel übertragen: 1999 startete das Unternehmen als Online-Pionier im Reifenhandel. Damals lag der Online-Anteil bei Pneus ähnlich niedrig wie heute bei Lebensmitteln – rund ein Prozent. Inzwischen werden 13 Prozent aller Kfz-Reifen– weltweit mehr als eine Milliarde, in Deutschland rund 40 Millionen – online verkauft. In Europa besetzt Delticom einen Marktanteil von geschätzt 60 Prozent, erzielt mehr als 500 Millionen Euro im Jahr und will bis 2020 die Milliardengrenze knacken.

Delticom wächst durch Internationalisierung, die Differenzierung von Kunden und durch Vertikalisierung: Aus dem Online-Shop Reifendirekt.de entstanden im Lauf der Jahre nicht nur 45 Länderseiten in Europa und Amerika, sondern auch Reifen-Shops für spezifische Kundenwünsche. Delticom verkauft sein Gummi an Geschäftskunden und Verbraucher, an Werkstätten und Unternehmen, an Schnäppchenjäger, Markenbewusste, junge Fahrer.

Heute spricht das Unternehmen seine Klientel mit mehr als 350 Websites – Test-, Informations- und Vergleichsseiten – sowie Shops an. Allein im letzten Halbjahr entstanden 48 neue Delticom-Präsenzen. Schon wird dieses Expansionsmodell auf die Food-Sparte übertragen: Mit Weindiscount.de und Abgelaufen.de fächert Delticom gerade das Angebot von Lebensmittel.de auf; Gourmondo indes soll in den nächsten Monaten weiter internationalisiert werden und Feinkost auch ins Ausland liefern.

Vertikalisierung bringt mehr Geschäft

Längst vertreibt Delticom nicht mehr nur Reifen. Ein Jahr nach dem Start brachte das Unternehmen seine erste Eigenmarke heraus. Zubehör, Ersatzteile und Motoröl ergänzen das Sortiment. Aus der Kooperation mit Werkstätten entstanden diverse Services rund um die Montage von Reifen und Rädern, zuletzt das Franchise-System Mobile Fitting: Montagefahrzeuge, die für einen Reifenwechsel zu den gewünschten Standorten der Kunden rollen. Wie die Vertikalisierung bei Lebensmitteln funktionieren kann, zeigt Gourmondo: Das Unternehmen managt den E-Commerce von Alnatura, ist Händler und Dienstleister in einem und bündelt so Food-Logistik.

Prüfer schließt neue Zukäufe nicht aus und kann sich auch vorstellen, in weitere Sortimente einzusteigen: „Denkbar wäre das“, sagt er. Geplant sei noch nichts. Doch Delticom zeigt, dass die Skalierung von Erfahrung im E-Commerce ebenso Perspektiven eröffnet wie die von Technik.


Geschichte eines E-Commerce-Pioniers

• Im Juli 1999 gründen die ehemaligen Continental-Manager Rainer Binder, Philip von Grolman, Andreas Prüfer und Timon Samusch in Hannover Delticom. Zu viert setzen sie im gleichen Jahr mit dem Online-Verkauf von Reifen knapp 2 Mio. D-Mark um.

• Mit Star Performer vermarkten die Hannoveraner zur Wintersaison 2000 die erste Eigenmarke, Delticom startet in Österreich.

• Mit Mytyres.co.uk beginnt 2001 die Internationalisierung. Delticom setzt 21 Mio. Euro um.

• Die Gesellschaft geht 2006 an die Börse und überspringt mit 128 Mio. Euro Umsatz erstmals die 100-Mio.-Marke.

• 2008 wird Prüfer Aufsichtsrat, verlässt 2009 das Unternehmen, beteiligt sich an Lebensmittel.de und Gourmondo und kehrt 20014 als Vorstand zurück.

• 2013 übernimmt Delticom Tirendo, 2016 folgen mit Gourmondo und ES Food zwei Fimen mit Food-Sparte.

• 2015 erzielten knapp 130 Mitarbeiter rund 560 Mio. Euro Umsatz. Delticom betreibt heute rund 350 Websites und Shops in 45 Ländern.

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