INTERNET WORLD Business





Der Druck aus dem Netz

Die deutschen Innenstädte veröden, schuld ist vor allem der Online-Handel. Doch der wachsende Leerstand bietet für die Multichannel-Pläne der Angreifer auch neue Chancen

Einkaufszentren wie das Alexa in Berlin sind Publikumsmagnete

Eine staubige Straße ohne Menschen, nur ein Dornbusch wird vom Wind umhergeweht: ein Klischee aus US-Western, doch inzwischen ist es in vielen deutschen Innenstädten ebenfalls fast schon Realität. Leere Läden, „Zu vermieten“-Schilder und verfallende Gebäude sind sichtbare Symptome einer Entwicklung, die auch Deutschland zunehmend betreffen könnte. Davor warnen zum Beispiel der Deutsche Städte- und Gemeindebund sowie der Handelsverband Deutschland, die bis zu 50.000 Läden in den Stadtzentren als existenzgefährdet sehen.

Denn der Handel in der City gerät von mehreren Seiten unter Druck, wobei mit der Konkurrenz durch den Online-Handel ein neuer Faktor dazugekommen ist, der inzwischen eine ernst zu nehmende Dimension erreicht hat. Schon seit den 70er-Jahren bekannt ist dagegen das Phänomen der Verlagerung des Einzelhandels aus dem Zentrum auf die „grüne Wiese“ und in Großmärkte. Dazu entstanden seit den 80ern immer mehr große Einkaufszentren mit vielen Läden in den Außenbezirken – auch diese Entwicklung kommt in Form der Shopping-Malls aus den USA. Laut dem Handelsforschungsinstitut EHI nahm die Zahl der Shopping-Center in Deutschland von 2005 bis 2015 von 363 auf 463 zu. Ihre Verkaufsfläche stieg von 11,5 auf 14,9 Millionen Quadratmeter.

Dass solche Großprojekte nicht automatisch Selbstläufer sind, zeigen allerdings auch hierzulande inzwischen einige Pleiten und die Einstellung geplanter Projekte. Selbst die „Mall of Berlin“, die vor rund zwei Jahren am Leipziger Platz in der Hauptstadt mit einem Rekord von 270 Läden eröffnete, kämpft inzwischen immer wieder mit Auszügen und Leerständen. Offenbar führen starke Konkurrenz, Monotonie, hervorgerufen durch die immer gleichen Läden der Ketten, und zu hohe Erwartungen zu ökonomischen Schieflagen. Zudem ist die Veränderung der Bevölkerungsstruktur nicht förderlich für die grüne Wiese, denn gerade die Zielgruppe der älteren Menschen will mangels Mobilität oft nah am Wohnort einkaufen.

Auch wenn die Innenstadtgeschäfte und Einkaufszentren um die Kunden konkurrieren, so haben sie doch einen gemeinsamen Gegner bekommen: das Internet. Sie alle geraten immer stärker unter Druck. Laut einer Studie des IFH Köln soll der Umsatz im stationären Handel von aktuell 448 Milliarden Euro bis 2020 auf 405 Milliarden zurückgehen und gleichzeitig im Online-Handel von 27 auf 77 Milliarden Euro steigen. Wer online shoppt, geht weder in die Innenstadt noch auf die grüne Wiese. Es werden nicht nur die direkt vom Kunden geplanten Umsätze verlagert, sondern auch die der Händler im Umfeld, wenn der klassische Einkaufsbummel nicht mehr stattfindet.

Zudem shoppen überproportional viele Jüngere im Netz, während die stationären Geschäfte oft von ihrer immer älter werdenden Stammkundschaft leben. Es ist daher damit zu rechnen, dass sich die Abwanderung ins Netz noch deutlich erhöhen wird und sie auch bisher noch nicht so sehr betroffene Branchen wie den Lebensmittelhandel erfassen wird.

Weniger Quantität und weniger Qualität

Die quantitativen Veränderungen gehen in vielen Städten einher mit einem ungesunden qualitativen Wandel der Handelsstruktur. Denn wenn alteingesessene Geschäfte schließen müssen, rücken bei einer ausreichenden Attraktivität der Standorte die Filialen großer Mode- oder Drogerieketten nach, die die Einkaufsstraßen immer gleichförmiger erscheinen lassen. Solche Ansiedlungen sorgen zunächst weiter für Publikumsverkehr, machen die Städte aber austauschbar und anfällig für die Konkurrenz durch die Einkaufszentren, die oft die gleichen Filialen, jedoch mit bequemerem Zugang bieten.

Wenn Standorte aber zu wenig Umsatz für die Ketten versprechen, setzt eine weitere Verschlechterung ein. Dort übernehmen zum Beispiel 1-Euro-Shops oder Imbisse die Flächen. Sie bedienen zwar die speziellen Bedürfnisse bestimmter, wenig solventer Zielgruppen, schrecken aber zugleich andere Käufer ab. Das reduziert die Attraktivität der Innenstädte und verändert über die Zeit ganze Viertel nachhaltig. Im Sog dieser Entwicklung wandelt sich das Äußere der Innenstädte. Als Folge davon fallen die Mieten, was wiederum zu einer Veränderung der Bevölkerungsstruktur führt. Die heftigste Auswirkung des Ladensterbens im Handel ist aber der Leerstand der Geschäfte, weil auch für wenig Geld keine neuen Mieter zu finden sind. Dies kann optisch den Eindruck vom Verfall ganzer Viertel bewirken.

Die negativen Effekte können sich schleichend über Jahre zeigen, manchmal kommt es aber auch schlagartig dazu, zum Beispiel wenn sogenannte Ankermieter zumachen oder in die Peripherie umziehen – etwa Kaufhäuser wie Karstadt, die in den Städten meist in zentraler Position erbaut wurden. Nach dem Auszug sind die Gebäude kaum neu zu vermieten, da sie mit viel zu großen Verkaufsflächen auf mehreren fensterlosen Etagen für die meisten Handelsformen ungeeignet sind. Wenn solche Immobilien langfristig leer stehen, leidet in der Regel irgendwann auch das Umfeld – selbst wenn sich kurzzeitig eine Steigerung der Nachfrage bei den verbliebenen Geschäften, die nun in einzelnen Warenbereichen weniger Konkurrenz haben, zeigen kann.

Die Probleme betreffen nicht alle Städte gleich: Metropolen wie Berlin, Frankfurt oder München, die einen Zuzug verzeichnen und auch viele Touristen haben, die die Straßen beleben, leiden kaum unter der Verödung ihrer Innenstädte. Auch kleinere Städte mit einer gesunden Wirtschaftsstruktur und einer zentralen Position im ländlichen Raum kommen meist besser davon. Ganz anders sieht es in einigen kleineren Großstädten und mittelgroßen Städten aus, in denen der Wegzug vieler jüngerer und besser ausgebildeter Arbeitnehmer in die großen Metropolen den Effekt verstärkt.

Gerade solche Städte geraten in einen Teufelskreis, aus dem sie sich nicht befreien können: weniger Läden bedeuten weniger Gewerbesteuereinnahmen, auf die die Kommunen dringend angewiesen sind, damit in Maßnahmen – beispielsweise zur Innenstadtbelebung – investiert werden kann. Zusätzlich bedeuten arbeitslose ehemalige Verkäufer höhere Sozialausgaben und weniger Kaufkraft.

Hilfe könnte, zumindest an leidlich interessanten Standorten, ausgerechnet einer der Verursacher der Misere bringen: Immer mehr Online-Händler begreifen eine eigene Filiale als interessantes Marketing-Instrument, das zudem neue Einblicke in das Kundenverhalten bietet, die Big Data im Online-Shop nicht liefern kann. Vorreiter wie Mymuesli (das inzwischen 25 Filialen unterhält) stehen längst nicht mehr allein da. Auch Zalando, Notebooksbilliger, Home24, Cyberport, Edited, Outfittery und viele andere Online-Händler streben in die Fläche. Und sogar Amazon gehört inzwischen dazu: Mit seinem 500 Quadratmeter großen Buchladen in Seattle ist der Online-Händler hochzufrieden – und plant angeblich die Eröffnung von 400 weiteren Brick-and-Mortar Stores. ❚

Boris Boden

Weitere Bilder
comments powered by Disqus