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Was will Amazon?

Was wirklich hinter der Paketabholstation „Amazon Locker“ steckt

„Amazon könnte Produkte lokal bereithalten, bevor der Kunde sie konkret bestellt hat“

Alexander Hofmann, Gründer und Geschäftsführer Ecomparo GmbH www.ecomparo.de

Die Bekanntgabe der deutschlandweiten Einführung von Amazon Locker in Kooperation mit Shell wurde von vielen Marktbeobachtern folgendermaßen interpretiert: „Amazon möchte von den Versanddienstleistern unabhängiger werden.“

Im Kern geht es Amazon meiner Einschätzung nach aber vor allem darum, den eigenen Innovationspfad, auch beim Thema „Abholstation“, offen zu halten und kontrollieren zu können. Denn einer gemeinsamen Weiterentwicklung von neuen Zustellservices basierend auf der DHL-Packstation-Plattform in Kooperation mit DHL liegen aus Sicht von Amazon mehrere Probleme zugrunde:

Zum einen ist Amazon von der Innovationsgeschwindigkeit von DHL zur Schaffung benötigter Prozesse abhängig. Außerdem würde eine Kooperation bei der Bereitstellung von innovativen Zustellservices durch DHL langfristig für Amazon die Differenzierung zum Wettbewerb (USPs) erschweren.

Eine Packstation-Kopie?

Amazon würde nicht in Infrastruktur investieren, wenn Locker lediglich als Kopie der DHL-Packstation konzipiert worden wäre, zumal die existierende DHL-Infrastruktur mit über 2.700 Packstationen auch weiterhin genutzt werden könnte. Bei einer genauen Analyse der Logistikprozesse und Abläufe rund um die beiden Systeme finden sich jedoch einige Innovationspotenziale, die bis dato von DHL nicht genutzt werden und brach liegen.

„Same Moment Delivery“

Produkte, die von Kunden sehr kurzfristig benötigt werden (beispielsweise ein Austauschgerät für ein defektes Smartphone), sind für den Anwendungsfall einer unmittelbaren „Bereitstellung" in einem Amazon Locker optimal geeignet. Amazon könnte in naher Zukunft durch datenbasierte Vorhersagen vor allem schnelldrehende Produkte an Amazon Locker senden und dort bereithalten, ohne dass bereits eine Bestellung vorliegen müsste. Konkret könnte dies in naher Zukunft so aussehen:

Der Amazon-Kunde erhält auf der Produktdetailseite von bestimmten Produkten, die sich bereits in einer beim Kunden im Amazon-Konto hinterlegten, bevorzugten Abholstation befinden, den werblichen Hinweis: „Jetzt kaufen und sofort in Ihrem Amazon Locker EMMA abholen“. Auch eine Filterung der Auflistung von Angeboten nach Produkten, die sich in bestimmten Amazon-Locker-Standorten in der Nähe befinden – ähnlich einer Filterung nach „verfügbar mit Prime“ – ist denkbar.

Wolf im Schafspelz?

Die flächendeckende Einführung von Amazon Locker in Deutschland und anderen europäischen Ländern rückt Amazon nochmals ein großes Stück näher an den stationären Einzelhandel heran. Das Beispiel „Same Moment Delivery“ zeigt, dass für den Online-Handelsriesen der Schritt mit Amazon Locker hin zu einem deutschlandweiten Netz an stationären Verkaufsflächen beziehungsweise Verkaufsstellen machbar ist. Für den stationären Handel bedeutet das: Der ehemals starke USP des Einzelhandels, nämlich die sofortige Verfügbarkeit von Produkten, wird dadurch (wie schon durch die Einführung von „Prime Now“) weiter abgeschwächt. ❚

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