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Das zweite Leben

Der deutsche Re-Commerce wächst weiter kräftig – Profitabilität ist bislang aber nur ein Ziel für die großen Player. Die Branche stellt sich auf eine erste Konsolidierung ein

Der aktuelle „Spiegel“-Bestseller, ungelesen und verschweißt, liegt auf einer vergriffenen Ausgabe mit Eselsohren von „Der Herr der Ringe“, daneben eine „Best of Queen“-CD und ein Stapel alter „Windows XP“-Spiele: Jedes Paket, das bei Momox eintrifft, erzählt eine ganz eigene Geschichte über den Vorbesitzer der Sammlung. Im Leipziger Lager des Re-Commerce-Anbieters werden diese so speziellen Konvolute von 700 Mitarbeitern erfasst, digitalisiert, bewertet – und weiterverkauft.

Das Geschäft mit Gebrauchtware boomt in Deutschland seit Jahren. Pionier und Marktführer Momox ist längst nicht mehr der Einzige auf dem Markt; rund 50 Plattformen werben aktuell um die Dachbodenware der Deutschen. Ihr Kundenversprechen ist im Grunde dasselbe: Hier wirst Du deinen alten Kram einfach und unkompliziert los und bekommst noch etwas Geld dafür, ganz ohne Flohmarktstress. Das traf besonders im letzten Jahr offenbar den Nerv der Verbraucher. Unabhängige Zahlen zum deutschen Re-Commerce gibt es zwar nicht, aber wer bei den tonangebenden Namen der Branche nachfragt, hört nur Positives. „2015 war für die Re-Commerce-Branche im Allgemeinen und speziell für Momox ein sehr gutes Jahr“, erinnert sich Heiner Kroke, CEO des Berliner Unternehmens. „Wir sind um 50 Prozent gewachsen und haben fast 120 Millionen Euro Umsatz erzielt.“ Nebenbei wurde der Gewinn auf 4,4 Millionen Euro verdoppelt. Ähnlich zufrieden zeigt sich der ewige Verfolger Rebuy, der 2015 um 27 Prozent auf einen Umsatz von 70 Millionen Euro gewachsen ist. Auch die zweite Riege hinter den beiden Großen, bestehend aus den Elektronikankäufern und -verkäufern Flip4New und Wirkaufens äußert sich positiv zum vergangenen Jahr, auch wenn beide bisher keine Umsatzzahlen veröffentlicht haben. Flip4New arbeitet nach eigenen Angaben profitabel und Branchengerüchten zufolge dürfte bei Wirkaufens mit einem Jahresumsatz von rund 30 Millionen Euro zu rechnen sein – das entspräche einem Plus von etwa 40 Prozent gegenüber 2014.

Erste Anzeichen für eine Konsolidierung?

In der zweiten Liga stören allerdings erstmals auch schlechte Nachrichten die Feierlaune: Schon Ende 2014 wurde der insolvente Medienankäufer Cashfix von dem Mitbewerber Re-Commerce GmbH geschluckt. Im Januar dieses Jahres wurde Re-Angel, ein Hamburger Spezialist für den Handel mit gebrauchten Handys, von dem Telekom-Investment Teqcycle übernommen, das sich auf den Ankauf gebrauchter Elektronik von Geschäftskunden spezialisiert hat. Und Ende Juli schloss Verkaufsuns.de, ein Ankäufer von elektronischen Geräten wie Handys, Laptops, Spielekonsolen, Kameras oder Tablets seine Pforten. „Der Elektronikmarkt hat sich in den letzten sechs Jahren extrem gewandelt und viele finanzkräftige Mitbewerber folgten der Re-Commerce-Gemeinschaft“, schrieb der Gründer Dennis Hürth zum Abschied auf seiner Website. „Leider reicht guter Service allein nicht mehr aus, sondern der höchste Ankaufspreis entscheidet letztendlich, wohin man sein Gerät schickt.“

Tatsächlich warten Marktbeobachter bereits seit einiger Zeit auf eine Konsolidierung im Re-Commerce. Zwar wächst der Markt vor allem im Secondhand-begeisterten Deutschland weiterhin kräftig, aber die Unterschiede zwischen den Wettbewerbern treten immer deutlicher zutage. Vor allem Momox und Rebuy setzen sich mit ihren hochautomatisierten Prozessen, extrem ausgefeilten Algorithmen und vor allem mit der schieren Masse von Produkten, die sie täglich bewegen, immer weiter vom Rest des Felds ab. Im Berliner Lager von Rebuy liegen 2,5 Millionen Artikel – bis zu 100.000 davon werden täglich verkauft. Auch Momox setzt auf eine hohe Umschlaggeschwindigkeit. „Wir verkaufen rund 50 Prozent der Ware, die wir in dieser Woche ankaufen, innerhalb der nächsten vier Wochen“, erklärt Momox-CEO Kroke. „Drei Prozent sind Ladenhüter, die nicht verkauft werden. Der Trick im Re-Commerce ist natürlich, dass man keine allzu großen Fehler beim Ankauf macht.“

Denn solche Fehler im Ankauf drücken auf die Marge, die im Re-Commerce sowieso schon notorisch niedrig ist. Bei durchschnittlichen Ankaufspreisen von gebrauchten Büchern um die 16 Cent und Verkaufspreisen von rund 2 Euro wird klar: Rechnet man noch Handling, Logistik und Versand hinzu, dann lohnt sich das Geschäft nur in großen Dimensionen. „Ich denke, eine Konsolidierung im deutschen Re-Commerce ist unausweichlich“, sagt Florian Förster, Gründer und Geschäftsführer des Re-Commerce-Preisvergleichers Bonavendi, der auf seiner Plattform An- und Verkaufspreise von rund 40 Re-Commerce-Plattformen vergleicht. „Die beiden großen Player werden vermutlich unangreifbar bleiben. Kleinere Player können da oft nicht mithalten, weil sie keine Skaleneffekte haben.“ Aber auch ambitionierte und gut finanzierte Neueinsteiger tun sich im Re-Commerce schwer; vor rund einem Jahr stellte Amazon seinen eigenen Trade-in-Service ein, der verantwortliche Manager Torsten Schero wechselte im Juni 2016 zu Rebuy und fungiert seither dort als CEO. Das Scheitern von Amazon wurde in der Branche durchaus mit stiller Genugtuung wahrgenommen. „Re-Commerce ist ein sehr spezielles Geschäft, das sich in seinen Prozessen stark vom Amazon-E-Commerce unterscheidet“, meint Wolfgang Röbig, Chief Sales Officer bei Rebuy. „Das Know-how dafür ist bei den aktuellen Marktteilnehmern über Jahre gewachsen, wir optimieren ständig an unseren Algorithmen. Einfach mal mit 100 Millionen Euro reingehen und einen neuen Player aus dem Boden stampfen, das funktioniert in diesem Markt nicht.“

Unbehelligt von Amazon in die Zukunft

Es ist also zu erwarten, dass die aktuellen Player im Re-Commerce vorerst unter sich bleiben. Diesen Luxus nutzen sie vor allem für die Erweiterung ihres Geschäfts. So ist Momox 2014 sehr erfolgreich in den professionellen Handel mit niedrigpreisiger Secondhand-Mode eingestiegen. Das Geschäft hat sich 2015 verdreifacht, obwohl Momox bisher noch nicht die große Marketing-Keule für das Programm schwingt, um die eigene Logistik nicht mit zu großen Ankaufsmengen zu überlasten – ein typisches Problem im Re-Commerce. Rebuy wiederum kauft seit Neuestem gebrauchte Armbanduhren an und Flip4New denkt über den Einstieg in den Handel mit gebrauchten Smartwatches nach. Und natürlich steht Internationalisierung überall ganz oben auf der Agenda. Denn noch gibt es keinen europäischen Marktführer im Re-Commerce. Noch. ❚


Die größten deutschen Re-Commerce-Anbieter

Pionier und Marktführer Momox ist seit 2006 auf dem Markt. Kerngeschäft ist das klassische Re-Commerce-Thema Medien. Vor zwei Jahren ist das Unternehmen zudem in Secondhand-Mode eingestiegen.

Momox’ schärfster Konkurrent heißt Rebuy – auch wenn die beiden Unternehmen die Konkurrenzsituation gern herunterspielen. Rebuy kauft Medien und Elektronik an und macht den größten Teil seiner Verkaufsumsätze über den eigenen Online-Shop.

Der Spezialist für Elektronikankäufe und -verkäufe ist seit 2009 am Markt unterwegs und arbeitet nach eigenen Angaben profitabel. Beim Ankauf kooperiert das Unternehmen mit stationären Anbietern wie Gravis und Media-Markt. Beim Verkauf setzt Flip4New als einziger der großen Re-Commerce-Player nicht auf einen eigenen Online-Shop.

Direkter Konkurrent von Flip4New ist Wirkaufens. Die Ankaufmarke der Asgoodasnew Electronics GmbH bereitet gebrauchte Geräte wieder auf und verkauft sie im Schnitt nach 14 Tagen wieder ab.

Hinter den großen Vier gibt sich Zoxs als Hansdampf in allen Gassen. Das Unternehmen kauft Medien, Elektronik, Spielzeug und IT-Zubehör an, übernimmt als Partner hinter den Kulissen den Medien-Trade-in-Service von Buecher.de und verkauft die Gebrauchtware sowohl über Amazon und Ebay als auch über den eigenen Online-Shop.


Durchschnittliche Ankaufspreise für Gebrauchtwaren*

* im September/Oktober 2016Quelle: 500.000 Preisabfragen auf Bonavendi

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