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M&A am Scheitelpunkt?

Warum die Zahl der Übernahmen und Fusionen in der digitalen Wirtschaft stagniert

„Wir haben schon länger den Eindruck, dass die Stimmung zumindest angeknackst ist“

Die Übernahme von Firmen oder die Fusion mit einem Partner – auch Mergers & Acquisitions (M&A) genannt: Für viele Unternehmen ist das ein probater Weg, um weiter zu wachsen. Und für viele Investoren ist es ein Weg, trotz Niedrigzinsphase attraktive Renditen zu erwirtschaften. Die Entwicklung von M&A im E-Commerce könnte jedoch nun, nachdem die Zahl der Deals lange gestiegen war, an einem Scheitelpunkt angekommen sein.

Zumindest melden die Marktbeobachter: Weltweit hat es in den ersten sechs Monaten 2016 weniger Unternehmenstransaktionen im E-Commerce gegeben als im Halbjahr zuvor. Wir nähern uns Zahlen, die wir zuletzt im Jahr 2014 gesehen haben. Auch in Feldern, die mit dem E-Commerce verwandt sind, ist das Deal-Volumen gesunken: im digitalen Marketing, bei den IT-Services oder auch dem Internet of Things. Nicht mal die Fintechs konnten mehr zulegen. Hier stagnieren die Zahlen, wenn man das erste Halbjahr 2016 mit dem zugegeben starken ersten Halbjahr 2015 vergleicht.

Wir haben schon länger den Eindruck, dass die Stimmung zumindest angeknackst ist. Da gibt es die großen gesamtgesellschaftlichen Verunsicherungen: Brexit, Rechtsruck in vielen Ländern, Terror, aber auch „alte“ Krisen wie die Ukraine, von den anhaltend hohen Staatsschulden ganz zu schweigen. Die Weltwirtschaft sendet immer wieder gemischte Signale. Das alles geht nicht spurlos an den M&A-Märkten vorbei. Es gibt Stimmen, die sagen: Wir könnten am Ende des Jahres zehn Prozent weniger Deals haben als 2015 – im Langzeitvergleich wäre das doch immer noch ein gutes Ergebnis. Das stimmt. Zumal wir gegenwärtig im E-Commerce noch bei etwa minus fünf Prozent liegen. Es kommt wohl darauf an, wie es danach weitergeht: kurze Eintrübung auf einem Niveau, das noch keine großen Sorgen macht – oder ein erster Schritt nach unten, dem dann noch weitere folgen werden?

Hoffnung macht der Blick auf die Bewertungen der Unternehmen im M&A-Fall. Der Vervielfältiger (Multiple) – einer der relevanten Faktoren für die Kaufpreisbestimmung, der sich beispielsweise an Ebit oder Nettoumsatz orientiert – ist bei E-Commerce-Firmen im Schnitt gestiegen. Natürlich kommt es auf den Einzelfall an, und das ist ja auch gut so. Die großen, führenden Vertreter oder eine Nische mit Potenzial, das sollte es schon sein. Nicht nur bei den reinen E-Commerce-Firmen, sondern auch in den meisten verwandten Feldern sind die Multiples im Halbjahresvergleich gestiegen. Natürlich auch bei den Fintechs oder bei Unternehmen, die Cloud- oder skalierbare Software-as-a-Service-Lösungen anbieten. Da wird nicht nur zu guten Preisen gekauft, dort gibt es auch weiterhin Wagniskapital für Gründer.

So bleibt die Stimmung gespalten. Die Vorsicht wird generell zunehmen. Auch bei uns. Ich habe mir in der jüngeren Vergangenheit zwei Unternehmen angesehen, beide im Ausland. In beiden Fällen habe ich mich sehr schnell gegen einen Kauf entschieden. Auch vor dem Hintergrund, dass jeder Deal schon in der Vorbereitung in hohem Maße personelle Ressourcen bindet. Das operative Business steht in vorsichtigen Zeiten noch mehr im Vordergrund als sonst. Andererseits: Hätten mich die beiden Unternehmen wirklich restlos überzeugt, hätte ich die Ankaufsprüfung durchaus forciert.


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Investoren verstehen: Es muss etwas passieren an der Digitalisierungsfront und im Disruptions-Zeitalter insgesamt. Ehrgeizigen Vorstandsvorsitzenden eröffnen sich hauptsächlich zwei Instrumente, um ihr Unternehmen besser zu machen: Tempoverschärfung bei Forschung und Entwicklung in der Hoffnung, demnächst bahn- und marktbrechende neue Produkte verkaufen zu können. Oder eben das All-inclusive-Paket, sofern man das richtige Übernahme- oder Fusionsziel findet.

Der Multimilliarden-Dollar-Deal von Bayer und Monsanto hat einem bisher äußerst lebhaften M&A-Jahr in Deutschland die Krone aufgesetzt. Die 66 Milliarden US-Dollar schwere Übernahme von Monsanto durch Bayer ist nicht nur die größte Akquisition durch ein deutsches Unternehmen, sondern macht 2016 in Sachen Auslandsübernahmen auch zu einem der erfolgreichsten Jahre für Europas größte Volkswirtschaft.

Der Technologiebereich zeichnet sich durch ein innovationsorientiertes Wachstum aus. Im Laufe der Zeit sind Umsatz, Rentabilität und Marktkapitalisierung gewachsen. Beachtenswert ist, dass jede Wachstumsetappe von einer anderen Technologie getrieben wurde und jede Technologie einen anderen Gewinner hatte. Der Schlüssel zum Erfolg ist in diesem Sektor also, die jeweiligen Gewinner zu identifizieren – denn es gibt eine große Streuung zwischen Gewinnern und Verlierern.

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