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Radar für Innovationen

Partnerschaften zwischen alteingesessenen Konzernen und jungen Gründern haben Hochkonjunktur. Branchenprogramme von Akzeleratoren dienen als Kontaktbörsen

In der Arena2036 sollen Start-ups mit Wirtschaft und Wissenschaft zusammenarbeiten

Mit der Innovationsfreudigkeit und -schnelligkeit von Start-ups Schritt zu halten – damit tun sich etablierte Konzerne schwer. Doch sie wissen, dass sie neue digitale Geschäftsmodelle im Blick behalten müssen, weil aus ihnen Konkurrenz erwachsen kann. Start-ups wiederum stehen vor dem Problem, dass sich ihre neuen Geschäftsmodelle in der Praxis bewähren müssen. Ist ihre Idee marktrelevant und umsetzbar? Auch die Kundengewinnung ist schwierig, da sie noch nicht bekannt sind und wenig Budget haben.

Was liegt da näher, als beide Seiten zusammenzubringen? Genau darum geht es bei den Branchenprogrammen von Akzeleratoren (das deutsche Äquivalent zu Accelerators ist inzwischen gebräuchlich) wie Plug and Play Tech Center in Sunnyvale, Startupbootcamp in London oder neuerdings auch Cube in Berlin. Anders als Inkubatoren, die dabei helfen Ideen „auszubrüten“, wollen Akzeleratoren das Wachstum von Start-ups beschleunigen.

Plug and Play Tech Center startete als Venture Fund, der unter anderem in Paypal, Dropbox und Lending Club investiert hat. Der Hauptsitz des Unternehmens befindet sich im kalifornischen Silicon Valley, weltweit gibt es noch 17 weitere Standorte.

Der Startschuss für das Corporate-Programm fiel vor rund vier Jahren, als Plug and Play begann, Start-ups nach ihrem Branchenfokus auszusuchen. „Wir haben mit vier Corporate-Programmen begonnen, heute sind es neun“, sagt Sascha Karimpour, Vice President Corporate Relations bei Plug and Play.

Die neun Programme, Verticals genannt, bedienen die Branchen Finanzen, Versicherungen, Medien, Internet der Dinge, Handel, Gesundheit, Verpackung und neue Materialien, Reise und Mobilität.

Für jedes Vertical gibt es sogenannte Anchor Partner. Sie bestimmen den Technologie-Fokus des Programms und finanzieren es. Ihre Zahl pro Vertical ist beschränkt, weil sonst die Interessen zu weit auseinanderdriften. Nachdem die Partner ihre jeweiligen Ziele benannt haben, filtert Plug and Play aus seinem weltweiten Netzwerk von rund 6.000 Start-ups etwa 100 pro Vertical heraus. Diese Liste wird an die Anchor Partner gesendet. Sie benennen dann die Start-ups, die sie für interessant erachten, wodurch sich die Auswahl auf etwa 30 bis 40 Start-ups reduziert. Bei einem „Selection Day“ erhalten sie die Chance, ihre Idee zu präsentieren. Nach diesem Pitch-Verfahren werden 20 bis 25 Start-ups pro Vertical in das Acceleration-Programm aufgenommen.

Das Programm dauert drei Monate. Die Gründer ziehen entweder in die Zentrale von Plug and Play ins Silicon Valley oder dorthin, wo das jeweilige Programm angesiedelt ist. Zusätzlich zu einem intensiven Mentoring-Programm erhalten die Start-ups Rechtsberatung oder Unterstützung bei der Personalsuche. Während der drei Monate loten die Gründer und die Unternehmen aus, ob es eine Basis für eine weitere Zusammenarbeit gibt. Als Erfolg gilt, wenn ein Pilotprojekt oder ein Proof of Concept umgesetzt wird. Im weiteren Verlauf können die beteiligten Unternehmen mit den Start-ups eine Lizenzvereinbarung schließen oder in sie investieren.

Der Accelerator Startupbootcamp betreibt weltweit 15 Branchenprogramme, zum Beispiel „Digital Health“ in Berlin und Miami, „Fintech“ in London, New York und Mumbai oder „E-Commerce“ in Amsterdam. Geplant sind weitere Programme in Südamerika, in Südostasien, in Japan und in China.

Jedes Programm wird von fünf bis 15 Konzernpartnern bezahlt und ist auf eine Dauer von drei Jahren angelegt – drei Jahre deshalb, weil es eine Weile dauert, bis sich die Konzerne in die entsprechenden Aktivitäten einfinden, erklärt Andy Shannon, Head of Startupbootcamp Global. Das Unternehmen mit Hauptsitz in London arbeitet aktuell mit etwa 125 Konzernen weltweit zusammen. Die Nachfrage seitens der Konzerne an dem Corporate-Programm habe während der vergangenen zwei Jahre stark zugenommen, berichtet Shannon. Die Konzerne hätten bemerkt, dass sie innovativer werden müssen und fragen bei Startupbootcamp Unterstützung an.

Präsentation der Projektebeim Demo Day

Wie bei Plug and Play sind die Konzerne auch bei Startupbootcamp stark in die Auswahl der Start-ups eingebunden. Während einer dreimonatigen Bewerbungsphase treffen typischerweise 300 bis 500 Bewerbungen für ein Programm ein. Zehn Start-ups werden hier jeweils ausgesucht. Die Auserwählten nehmen an einem dreimonatigen intensiven Accelerator-Programm teil. Für die Start-ups ist dieses eine Kontaktbörse, weil die Gründer viele Unternehmen kennenlernen, mit über 100 Mentoren in Kontakt kommen sowie Kurse und Trainings erhalten. Zum Abschluss stellen die Gründer bei einem „Demo Day“ ihre Ideen den Konzernen, Mentoren und potenziellen Investoren vor. Auch Venture-Capital-Geber sind bei den Programmen dabei.

Pro Programm investiert Startupbootcamp 15.000 Euro in jedes Start-up. Der Accelerator erhält dafür sechs Prozent der Anteile. „Unser Ziel ist, die Start-ups mit den richtigen Mentoren zusammenzubringen, damit sie ein Geschäftsmodell erarbeiten können, mit dem Umsatz generiert wird“, betont Shannon. Laut Firmenwebseite haben 345 Start-ups seit 2010 an einem Programm teilgenommen. 79 Prozent davon sind noch aktiv, drei Prozent wurden übernommen und 18 Prozent haben aufgegeben.

Gemeinsame Arbeit an neuen Geschäftsmodellen

Solche Beschleunigungsprogramme haben für Konzerne den Vorteil, dass sie mit ihnen systematisch globale Entwicklungen in der Startup-Welt beobachten können. Erkennen sie interessante Start-ups, erarbeiten sie gemeinsam Geschäftsmodelle oder Prototypen. Die Konzerne holen sich externes Innovationspotenzial ins Haus, die Start-ups erhalten die Chance, ihre Ideen auszuarbeiten und zu erproben.

Kooperationsprogramme zwischen Konzernen und Start-ups, aus denen im Idealfall neue Produkte oder Dienstleistungen hervorgehen, liegen im Trend: Der Rückversicherer Munich Re sponsert bereits seit 2015 ein Start-up-Förderprogramm für das Internet der Dinge, das Plug and Play ins Leben gerufen hat. Der Lufthansa Innovation Hub kooperiert ebenfalls mit Plug and Play. Für Lufthansa und andere Reisekonzerne haben die Kalifornier das Programm „Travel & Hospitality“ aufgesetzt. In Stuttgart wiederum sollen Ideen und Projekte mit Schwerpunkt „Mobilität der Zukunft“ im Rahmen von „Startup Autobahn“ entstehen. Von Daimler initiiert wird das als „Innovationsplattform“ bezeichnete Projekt mit der Universität Stuttgart, der Hightech-Werkstatt Arena2036 und mit Plug and Play realisiert. Im „Hardware Lab“ der Arena2036 stehen Maschinen, 3-D-Drucker, Werkzeuge und Software für den Prototypenbau und die Kleinserienfertigung zur Verfügung.

Der Versicherungskonzern Talanx hat sich gleich zwei Akzeleratoren als Partner gesucht, um relevante Start-ups im Versicherungssegment zu suchen (siehe Interview auf Seite 10): Startupbootcamp und Plug and Play. Die Bayer AG und der Volkswagen-Konzern finanzieren Cube, ein im Juni 2016 gegründetes Unternehmen in Berlin, das Partnerschaften zwischen Konzernen und B2B-Start-ups in den Branchen Life Sciences, Gesundheit und Maschinenbau fördern will.

Sebastian Herzog, Chefstratege und Mitgründer des Lufthansa Innovation Hub, befasst sich seit gut drei Jahren mit der Frage, welchen Einfluss Start-ups auf die Reisebranche haben. „Die Zahl der Gründungen ist unglaublich gestiegen, ebenso hat die Zahl der Investitionen zugenommen“, berichtet Herzog. Weltweit gebe es rund 3.000 Start-ups im Travel-Bereich. Diese jungen Unternehmen seien relevante Stakeholder geworden, mit denen sich der Lufthansa-Konzern auseinandersetzen muss. Und er muss eine Antwort darauf finden, wie er mit den Geschäftsmodellen umgeht, die sich rasant entwickeln, so Herzog.

Eine Antwort ist der Lufthansa Innovation Hub, den die Lufthansa Group 2014 gegründet hat. Der Innovation Hub soll digitale Produkte, Services und Prozesse für alle Aktivitäten entwickeln, die zu einer Reise gehören, von der Buchung bis zur Ankunft am Reiseziel. Gleichzeitig bildet er die Brücke für Geschäftsbeziehungen zwischen dem etablierten Luftfahrtkonzern Lufthansa und den Travel-Start-ups. Für die Zusammenarbeit mit Plug and Play formuliert Herzog dieses Ziel: „Wir wollen frühzeitig Entwicklungen und Opportunitäten auf dem globalen Reisemarkt erkennen und sie für Lufthansa geschäftlich nutzbar machen.“

Suche nach der richtigen Innovationsstrategie

Im Rahmen des Branchenprogramms kommen Konzerne zusammen, die außerhalb desselben durchaus miteinander konkurrieren. „Wenn konkurrierende Unternehmen gemeinsame Aktivitäten planen, besteht zunächst die Sorge, ein anderer könnte einen Vorsprung erhalten“, sagt Peter Klingspor, Head of Group Corporate Development bei Talanx. In der Praxis sei die Angst jedoch unbegründet, da alle Partnerunternehmen vor vergleichbaren Herausforderungen stehen. Der Austausch untereinander sei sehr hilfreich. Und Herzog von Lufthansa betont, dass es um den Blick über den eigenen Tellerrand gehe. Gemeinsam werde darüber nachgedacht, wie sich das Reiseumfeld als Ganzes ändern könne, um den Kunden durch neue Produkte ein besseres Reiseerlebnis zu bieten. Shannon von Startupbootcamp sieht die Rolle des Accelerators als Mittler: „Startupbootcamp erleichtert den Dialog zwischen den Konzernen. Wir bringen die Manager zusammen, sodass sie sich zu den Fragen, die sie alle bewegen, austauschen können.“ Die Ausgangssituation sei ja für alle ähnlich: Sie suchen den richtigen Weg für ihre Innovationsstrategie.

Auch Plug and Play bezeichnet sich gern als „Innovationsplattform“. Zwischen 350 und 400 Start-ups sind im Silicon Valley ständig mit der Ausarbeitung ihrer Ideen beschäftigt. Karimpour nennt fünf Faktoren, die für Konzerne Voraussetzung für die Teilnahme an einem Branchenprogramm sind:

1. Einen „Champion“ auswählen: Der Konzern muss einen Verantwortlichen für die Zusammenarbeit benennen, vorzugsweise jemand, der für Innovation im Unternehmen zuständig ist. Er oder sie muss die Konzernstrukturen, Schlüsselrollen und technischen Interessen des Unternehmens sehr gut kennen.

2. Dieser „Champion“ braucht Unterstützer auf der obersten Management-Ebene.

3. Um Pilotprojekte erfolgreich in einem bestimmten Zeitrahmen durchzuführen, wird die Entwicklung von Key Performance Indicators empfohlen.

4. Zeit einplanen: Die Zusammenarbeit mit einem Accelerator ist eine Partnerschaft, zu der auch gehört, dass der oder die Verantwortlichen auf Konzernseite vier- bis sechsmal im Jahr nach Kalifornien reisen und sich die Zeit nehmen, mit den Start-ups zusammenzuarbeiten.

5. Finanzielles Commitment: Die Konzerne zahlen eine jährliche Gebühr, um die operativen Kosten zu decken.

Für Herzog vom Lufthansa Innovation Hub ist das „Travel & Hospitality“-Programm ein Radar dafür, welche neuen Ideen oder Geschäftsmodelle weltweit in der Reisebranche entstehen. Sein Fazit: Es ist immens wichtig, im Blick zu behalten, wie Start-ups die eigene Branche durch neue Ansätze beeinflussen. „Etablierte Unternehmen sollten niemals unterschätzen, welchen Einfluss Start-ups auf eine Industrie haben“, meint Herzog. Es gehe allerdings nicht darum, diese zu glorifizieren, man müsse auch das schätzen, was Konzerne aufgebaut haben. „Wichtig ist, die Stärken beider Welten – die der Start-ups und die der Konzerne – zu verstehen und beide schlau miteinander zu verbinden“, zieht Herzog Bilanz. ❚

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