INTERNET WORLD Business





Warten auf Amazon

Die deutsche Lebensmittelbranche zittert vor Amazon Fresh, treibt ihren eigenen Online-Ausbau aber nur zaghaft voran. Amazon hat in Berlin und München Fakten geschaffen

Die Erleichterung stand Sigmar Gabriel bei seiner Erklärung ins Gesicht geschrieben: In dem seit Monaten währenden Kampf um die Zukunft der maroden Supermarktkette Kaiser’s Tengelmann konnte das prominente Schlichter-Duo Gerhard Schröder und Bert Rürup eine Einigung erzielen und zwischen den Streithähnen Rewe und Edeka vermitteln. Damit kann die „angekündigte, abgesagte, ministergenehmigte und gerichtlich wieder gestoppte Übernahme von Kaiser’s Tengelmann“ (trefflich zusammengefasst von Peer Schader im Supermarktblog) durch Edeka nun wohl doch zumindest teilweise stattfinden. „15.000 Jobs sind gesichert“, erklärt Gabriel. Läuft alles so, wie es sich der Wirtschaftsminister erhofft, geht damit ein monatelanger Hickhack zu Ende, der den gesamten Lebensmitteleinzelhandel (LEH) blockiert – und von Maßnahmen gegen die Bedrohung ablenkte, die aus dem Netz auf ihn zurollt.

Denn während andernorts über den Filial-Listen von Kaiser’s gebrütet, über den veralteten Zustand der Läden gejammert und das Schicksal der Mitarbeiter beklagt wurde, hat Amazon in Berlin und München Fakten geschaffen: Dort liefert der Online-Händler über seine Bestell-App Prime Now seit diesem Sommer nicht nur Bücher, Spielwaren, Mode oder Haushaltsgeräte aus, sondern auch frische Lebensmittel – für Prime-Mitglieder kostenfrei innerhalb von zwei Stunden. Wenn es besonders schnell gehen soll, zahlt der Kunde einen Aufpreis von 6,99 Euro, damit ein elektrobetriebenes Kurierfahrrad mit Kühlakku die Bestellung in einer Stunde vorbeibringt.

Massive Marktverschiebung bis 2020 erwartet

Nun ist Prime Now kein adäquater Ersatz für den wöchentlichen Großeinkauf: Es beinhaltet etwa ein Viertel der Artikel, die ein durchschnittlicher Supermarkt auf Lager hat, zudem hält Amazon in seinen kleinen Stadtdepots nur geringe Mengen vor. Da kann es schon mal vorkommen, dass die Lieblingspizza am späten Nachmittag bereits ausverkauft ist. Doch in Sachen Preisgestaltung und Liefergeschwindigkeit ist der Lebensmittelverkauf über Prime Now eine klare Ansage an den Markt: Amazon kann das. Amazon ist bereit. Dabei hat der Händler mit dem vollwertigen Lebensmittellieferdienst Amazon Fresh, vor dem die gesamte deutsche Lebensmitteleinzelhandel-Branche (LEH) derzeit zittert, noch gar nicht angefangen.

„Alles in allem hat Amazon mit Prime Now wie gewohnt seine Hausaufgaben gemacht und einen sehr effizienten Betrieb aufgebaut“, so Michael Lierow, Partner und Handelsexperte bei dem Marktforschungsinstitut Oliver Wyman, das kürzlich die Prime-Now-Initiative von Amazon analysiert hat. Das Ergebnis: Wenn Amazon mit Prime Now so weitermacht wie bisher, steht die deutsche Lebensmittelbranche ernsthaften Problemen gegenüber. „Schon heute können allein im Großraum München 40 bis 50 Millionen Euro Umsatz pro Jahr in den Online-Kanal abwandern“, glaubt Lierow. „Wenn Amazon einen realistischen Anteil von fünf Prozent des Marktes erobert, steigt diese Größe auf bis zu 400 bis 500 Millio nen Euro allein im Großraum München.“ Hochgerechnet auf den deutschen Markt bedeutet das: Sechs bis acht Milliarden Euro pro Jahr könnten gemäß der Analyse des Experten in den nächsten Jahren aus dem stationären Handel in Richtung Online abfließen.

Auch das ECC Köln legt ähnliche Zahlen vor und erwartet, dass der – bisher verschwindend geringe – Online-Anteil am deutschen Markt für frische Lebensmittel bis 2020 auf 4,5 Prozent ansteigt; das entspräche einem Umsatzvolumen von 6,8 Milliarden Euro. Besonders betroffen von dieser Umsatzverschiebung wären dann die Vollsortimenter wie Rewe, Kaufland, Edeka und Co. „Fehlen den durchschnittlichen Warenkörben nur ein bis drei Euro pro Kauf, operieren viele Filialen nicht mehr positiv“, so Lierow. 40.000 Arbeitsplätze könnten bis 2020 zu Online abwandern, lautet sein Fazit. „Wie schnell welcher Anteil der Umsätze letztlich bei Amazon landet, hängt aber auch davon ab, wie schnell und engagiert die Lebensmitteleinzelhändler ihre eigenen Online- und Multikanallösungen ausbauen.“

Reaktion statt Aktion – und das spät und zaghaft

Die Warnungen der Marktforscher verhallen durchaus nicht ungehört; in den Chefetagen der großen LEH-Konzerne ist seit Längerem ein Bewusstsein für die zukünftigen Herausforderungen zu spüren. „Wenn Amazon einsteigt, müssen wir reagieren“, ließ Edeka-Chef Markus Mosa dieses Frühjahr verlauten. Und Alain Caparros, Vorstandsvorsitzender von Rewe, sagte im Oktober dem „Spiegel“: „Wenn Amazon mit Fresh richtig durchstartet, wird uns das sehr wehtun.“ Kaufland ließ kürzlich seine Kunden zum Thema Online-Einkauf von Lebensmitteln befragen. Ergebnis: Fast 50 Prozent würden eine Online-Bestellung gern mal ausprobieren. Und Lidl hat kürzlich in Berlin eine Art Start-up-Büro eröffnet und sucht dort Programmierer und Software-Entwickler.

Auf den ersten Blick lassen einige Supermarktketten den Worten erste Tat folgen. Vier Unternehmen haben bereits Lieferdienste auf dem Markt etabliert: Rewe, Real, Kaiser’s Tengelmann (mit der Marke Bringmeister.de) und neuerdings auch Kaufland. Allerdings: Bisher ist Rewe der einzige der klassischen LEH, der seinen Lieferdienst bundesweit anbietet. Bringmeister liefert nur in Berlin und München, Real nur in Berlin und im Ruhrgebiet und auch Kaufland beschränkt sich bei seinem ersten Liefertestlauf auf die deutsche Hauptstadt. Für die Zusammenstellung der Online-Bestellungen nutzt die Handelskette übrigens nicht die Berliner Filialen, sondern einen zentralen „Dark Store“ im Süden der Stadt, also ein geschlossenes Warenlager ohne Publikumsverkehr. Ab Frühjahr 2017 soll der Kaufland-Lieferservice auch in Hamburg starten.

Einen anderen Weg will der Discounter Lidl, der wie Kaufland zur Schwarz-Gruppe gehört, einschlagen: Kunden sollen ab Dezember ihre Online-Bestellungen, frische und tiefgekühlte Lebensmittel inklusive, in den Filialen abholen können. Auch dieser Service startet zunächst mit einem Testlauf in Berlin. Insgesamt investiert die Schwarz-Gruppe einen dreistelligen Millionenbetrag in ihre Digital-Offensive, 300 Mitarbeiter in der Zentrale in Neckarsulm sowie im neuen Büro in Berlin sind ausschließlich mit der Digitalisierung beschäftigt. Ihr erklärtes Ziel: neben Rewe zum zweiten potenziellen Gegenspieler von Amazon Fresh im wachsenden Online-LEH-Markt aufzusteigen. Die Initiative der Schwarz Beteiligungs GmbH kommt zu einem strategisch interessanten Zeitpunkt – hat doch ausgerechnet der Online-Pionier Rewe gerade seine Lieferkosten deutlich erhöht. Diese Änderung kurz vor dem erwarteten Marktstart von Amazon Fresh interpretieren einige Marktbeobachter bereits als Symptom eines tiefer liegenden Problems: Rewe habe sich bei seinem Lieferservice massiv verkalkuliert.

Ähnliches dürfte auch für die Konkurrenz von Edeka gelten. Edeka hat bisher gar keine konzernübergreifende Strategie für den Online-Verkauf von Frischwaren vorgelegt, stattdessen hoffte die Genossenschaft offensichtlich auf Bringmeister, den Online-Ableger von Kaiser’s Tengelmann, den Edeka zusammen mit den rund 400 Kaiser’s-Filialen im Komplettpaket übernehmen wollte – der Plan scheiterte bekanntermaßen an der massiven Intervention von Rewe. Auch nach der aktuellen wackeligen Einigung mit Rewe bleibt die Zukunft von Bringmeister offen. In Ermangelung besserer Ideen kooperiert Edeka deshalb nun mit der Deutschen Bahn, die gerade Abholboxen an Bahnhöfen einrichtet. In deren Frischhalteabteilen sollen Kunden künftig auch Lebensmittelbestellungen von Edeka abholen können.

Apropos konzeptlos: Da wäre ja auch noch Real. Dessen Mutterkonzern Metro hat im Sommer das LEH-Multichannel-Start-up Emmas Enkel übernommen, die Gründer ausgezahlt, die drei Filialen und dann den Online-Shop geschlossen. Jetzt nutzt der Konzern die einstmals vielversprechende und vielfach ausgezeichnete Marke für einen kleinen Laden auf dem Gelände der Düsseldorfer Metro-Zentrale. ❚


Zahlen & Fakten

Sechs bis acht Milliarden Euro Umsatz aus dem deutschen Lebensmitteleinzelhandel könnten bis 2020 in den Online-Bereich abfließen.

Bis zu 40.000 Arbeitsplätze könnten sich bis 2020 in den Online-Bereich verschieben.

Sinkt der durchschnittliche Warenkorbwert der stationären Vollsortimenter um nur 3 Euro, arbeiten rund 15 Prozent der Filialen nicht mehr profitabel.

35,731 Lebensmittelläden gibt es in Deutschland. 2006 waren es noch 51,145.

Fast die Hälfte der Umsätze mit Waren des täglichen Bedarfs werden in Geschäften erledigt, zu denen die Kunden weniger als 5 Minuten fahren müssen.

Weitere Bilder
comments powered by Disqus