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Volkswagen digital

Der Dieselskandal prägt seit über einem Jahr das Image von Volkswagen. Nun treibt der Konzern offensiv seine Digital-Strategie und damit ein unbelastetes Thema voran

Die Automobilbranche muss sich mit drei grundlegenden Veränderungsprozessen auseinandersetzen: Elektromotoren lösen die Verbrennungsmotoren ab. Fahrzeuge fahren künftig autonom und die Verbraucher werden nicht mehr so häufig selbst ein Auto besitzen, sondern sich Fahrzeuge teilen. Um mit dieser Entwicklung Schritt zu halten, hat sich der Volkswagen-Konzern eine Digitalisierungstrategie verordnet.

INTERNET WORLD Business hat mit Johann Jungwirth, Chief Digital Officer beim Volkswagen-Konzern, gesprochen.

Sie sind seit November 2015 im Volkswagen-Konzern für Digitalisierung zuständig. Digitalisierung ist ein sehr weiter Begriff. Können Sie ihn in Bezug auf VW präzisieren?

Johann Jungwirth: Ich teile Digitalisierung in drei Hauptthemengebiete: Es geht erstens um alles, was mit dem digitalen Kunden zu tun hat, zweitens um all das, was sich um digitale Produkte und Dienstleistungen dreht. Des Weiteren geht es um das digitale Unternehmen als Ganzes.

In Wolfsburg haben wir Teams für die nach dieser Logik gegliederten Digitali sierungsbereiche „Produkte & Services“, „Smart Mobility“, „Kunde & Handel“ mit dem Fokus auf programmatisches Marketing, digitaler Handel und ein neues Ökosystem auf Basis einer digitalen Plattform und Kunden-ID, „Business 4.0“ und „Industrie 4.0“. In den neuen Future Centers fokussieren wir uns auf die digitale User Experience. Insgesamt haben wir 14 Projekte zur digitalen Transformation definiert.

Worum geht es bei der Kunden-ID?

Jungwirth: Das Konzept ähnelt der Apple-ID oder dem Google-Konto, die Konsumenten schon von Smartphones oder Tablets kennen. Zur Kunden-ID gehört ein Kundenprofil mit den Einstellungen und Präferenzen unserer Kunden, welches über die Zeit immer reichhaltiger wird. Wenn Fahrzeuge digitalisiert sind, können Kunden beispielsweise ihr Profil mit ihrer Playlist und anderen individuellen Daten von Fahrzeug zu Fahrzeug mitnehmen, auch zum Beispiel in Mietfahrzeuge. Wenn man anfängt darüber nachzudenken, fallen einem viele praktische Anwendungsszenarien ein, welche zu einer besseren digitalen User Experience führen.

Wir wollen auch die Kommunikation mit Kunden intensivieren und individualisieren. Heute bestellen Kunden ihr Fahrzeug und werden erst benachrichtigt, wenn das Auto beim Händler ist. Künftig könnten wir dem Kunden, der sich auf sein neues Auto freut, Bilder oder Videos vom Fertigungsprozess seines Fahrzeugs senden, sodass er an der Entstehung des Autos teilhat.

Wann wird diese Kunden-ID kommen?

Jungwirth: Wir befinden uns gerade in der Entwicklung unserer digitalen Plattform und des digitalen Ökosystems. Für uns steht fest: Um erfolgreich zu sein, müssen wir uns zu einem integrierten Hardware-, Software-und Services-Unternehmen weiterentwickeln. Wir müssen bei Software und Services auf das gleich hohe Niveau kommen, das wir bei den Autos bereits haben.

In Potsdam betreibt VW ein Future Center, im Oktober wurde in Berlin das Digital Lab eröffnet. Was ist der Unterschied zwischen dem Future Center und dem Digital Lab?

Jungwirth: In den drei Future Centers des Volkswagen-Konzerns – in Potsdam, in Peking und im Silicon Valley – wird am User Experience Design und Fahrzeugdesign der zukünftigen Fahrzeuge gearbeitet. Es geht um das direkte digitale Nutzungserlebnis im Auto der Zukunft und um zukünftige Fahrzeugkonzepte für Owned und Shared Autonomy: das heißt selbstfahrende Fahrzeuge, welche Menschen und Waren sicher und bequem von Tür zu Tür transportieren.

Im Digital Lab wird Software für Mobilitätsdienste und die markenübergreifende digitale Plattform entwickelt. Das Digital Lab verstärkt die Software-Kompetenz des Volkswagen-Konzerns. Was in den Future Centers und im Digital Lab entwickelt wird, steht allen Konzernmarken zur Verfügung.

Der VW-Vorstandsvorsitzende Matthias Müller hat beim Genfer Automobilsalon angekündigt, dass der Volkswagen-Konzern „zum Teil zu einem Software- und Services-Konzern“ werden wird. Um welche Services geht es?

Jungwirth: Vorwiegend um Mobility-Services. Im Mai hat sich der Volkswagen-Konzern mit 300 Millionen US-Dollar an Gett, einem Vermittler von Fahrdienstleistungen auf Abruf, beteiligt. Wir sehen in diesem „Ride Hailing“ großes Marktpotenzial und setzen auf die Entwicklung von Mobilitätsgeschäftsmodellen. Ziel des Volkswagen-Konzerns ist es, bis 2025 einen substanziellen Teil des Umsatzes mit solchen neuen Geschäftsmodellen zu erwirtschaften. Sobald autonome Fahrzeuge verfügbar sein werden, wird Mobility-on-Demand exponenziell wachsen und sehr erfolgreich werden.

BMW und Daimler befassen sich schon seit vielen Jahren mit der Veränderung der Mobilitätsservices. Warum hat das bei Volkswagen etwas länger gedauert?

Jungwirth: Der Car-Sharing-Markt ist gerade im Umbruch, neue Mobilitätslösungen werden möglich. Die Self-Driving-System-Technologie wird zu einer Kernerfindung, welche die Mobilitäts-und Transportwelt stark verändern wird. Da haben andere bislang teures Lehrgeld bezahlt. Wir befassen uns konsequent mit den nächsten Entwicklungsstufen und werden unsere Vision der „Mobilität für alle“s umsetzen. Dies wird die Gesellschaft massiv voranbringen.

Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit Start-ups dabei?

Jungwirth: Eine große Rolle. Sowohl der Volkswagen-Konzern als auch die einzelnen Marken wie Audi oder Porsche arbeiten schon lange mit Start-ups oder unterstützen sie in der einen oder anderen Form. In Wolfsburg und Berlin haben wir 2015 den „Ideation Hub“ eingerichtet, ein Team, welches wir als „Drehkreuz für Ideen“ bezeichnen. Es ist dafür zuständig, den Konzern eng mit Start-ups zu vernetzen. Audi hat 2013 die Tochtergesellschaft Audi Business Innovation gegründet. In München betreiben wir seit 2014 ein Data Lab zu Machine Learning, wo ebenfalls eng mit Start-ups gearbeitet wird, und mein ganzer Bereich ist sehr aktiv in der Gründerszene in Berlin, Tel Aviv und im Silicon Valley. Das sind nur ein paar Beispiele einer langen Liste. Kurz: Die Start-up-Szene ist wichtig für uns und unsere Innovationsstrategie.

Interview: Ingrid Schutzmann

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