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Wider die Sippenhaft

Wie der Skandal um Web of Trust eine ganze Branche in Misskredit bringt

Vertrauen ist das Schmiermittel, das unsere Gesellschaft in Gang hält. Wir vertrauen darauf, dass die Obstwaage im Supermarkt geeicht ist, dass Lebensmittel im Restaurant frisch sind und der kreuzende Verkehr an der roten Ampel anhalten wird. Und wir vertrauen darauf, dass sich die Unternehmen der digitalen Wirtschaft an die geltenden Datenschutzvorschriften halten.

Im Normalfall funktioniert das. Leider gibt es aber auch in der digitalen Welt zuweilen Anbieter, die gegen selbstverständliche und allgemeingültige Regeln verstoßen. Zu den Leidtragenden gehören oft unbeteiligte Dritte, die ihre Geschäfte ordentlich und in vertrauenswürdiger Weise führen: Sie stehen plötzlich unter Generalverdacht.

Für die Digital-Branche ist dieser Mechanismus heutzutage erstaunlicherweise ein größeres Problem als in der Offline-Welt. Wird ein Restaurant vom Gesundheitsamt dichtgemacht, so ist man empört – aber niemand würde behaupten, dass in allen Küchen geschlampt wird. Hier ist die Erklärung ganz einfach: Fast jeder hat irgendwann einmal selbst gekocht und kann die Vorgänge deshalb beurteilen.

Was in der Welt von Browser-Erweiterungen, Cookies und Big Data passiert, ist für den normalen Verbraucher viel schwieriger zu verstehen. Und Einzelfälle wie Web of Trust, in denen ein Unternehmen Nutzerdaten im Übermaß erfasst und gar nicht beziehungsweise nur unzureichend anonymisiert, sodass man auf die Datenquelle rückschließen kann, fallen leicht auf die gesamte Branche zurück.

In solch einem Klima wird leicht übersehen, was die digitale Wirtschaft leistet, um das Leben der Verbraucher zu verbessern. Ohne digitale Werbung wären viele Internet-Angebote kostenpflichtig oder gar nicht erst möglich. Wenn jetzt Adblocker-Anbieter versuchen, sich als Datenschützer zu profilieren, so ist das scheinheilig – denn sie verwenden eben jene Tracking-Techniken, vor denen sie ihre Kunden zu schützen vorgeben. Zudem entziehen sie Inhalteanbietern ihnen rechtmäßig zustehende Einnahmen und führen so zu einer Beschränkung der verfügbaren Angebote.

Neue Techniken eröffnen neue Missbrauchsmöglichkeiten – dies war schon immer so. Gerade deshalb setzt sich die digitale Wirtschaft so vehement gegen diesen Missbrauch ein. Werbung, die Malware installiert? Wir kooperieren mit dem Bundesamt für Informationssicherheit, um genau das zu verhindern.

Um den Nutzer mit enervierender Werbung zu verschonen und relevante Werbung auszuspielen, muss die digitale Wirtschaft mit Daten arbeiten können. Datenschutzkonformes Targeting ist etwas anderes als das Abgreifen von Daten durch illegale oder halblegale Browser-Erweiterungen. Gerade Fälle wie Web of Trust zeigen, dass wir weiter eine sachliche Diskussion führen müssen: Wie vereint man Datenschutz und wirtschaftliche Freiheit? Welche Arten der Datennutzung sind legitim und helfen, das Web vielfältig und interessant zu gestalten? Und was ist schlicht kriminell?

Es bringt nichts, schärfere Regeln zu fordern – denn wer schon jetzt Regeln bricht, wird das auch in Zukunft tun. Er hätte sogar einen Vorteil davon, wenn die sich an das geltende Recht haltenden Wettbewerber zusätzliche Auflagen erhalten. Stattdessen muss man hart gegen illegale Praktiken vorgehen. Solche Einzelfälle dürfen keine Basis dafür werden, einer ganzen Branche das Vertrauen zu entziehen. Gerade die Bedeutung der Digitalisierung in der heutigen Gesellschaft erfordert vielmehr, den Marktteilnehmern die wirtschaftliche Freiheit zu belassen, durch ständige Selbstreflexion zum Wohle der gesamten Volkswirtschaft beizutragen.


Was andere schreiben

Persönlich glaube ich, dass wir nur die Spitze eines Eisbergs freigelegt haben und weitaus mehr Add-ons heimlich Surfprofile von Nutzern erstellen oder ihn anderweitig ausspionieren. Selbst wenn ein Unternehmen in seiner Datenschutzerklärung behauptet, es würde keine personenbezogenen Daten sammeln oder diese vor der Speicherung „anonymisieren“, so sieht die Realität oftmals wohl ganz anders aus. Letztendlich müssen wir uns immer und immer wieder von Neuem die Frage stellen: Wem oder was vertrauen wir eigentlich?

Mit seinem Vorgehen dürfte „Web of Trust“ das Vertrauen in gleich zwei Branchen erschüttert haben. Browser-Erweiterungen könnten nun unter Generalverdacht stehen, den Nutzer für Werbezwecke auszuspionieren. Und auch die Werbebranche, die auf Tracking angewiesen ist, wird in Mitleidenschaft gezogen.

Neben all den gesetzlichen Bestimmungen und sonstigen Forderungen ist es in erster Linie wichtig, dass jeder Mensch, der das Internet verwendet, damit angemessen umgehen kann. Was wiederum ein Bewusstsein für die grundlegende Funktionsweise, die Sicherheit, den Datenschutz etc. voraussetzt. Ebenso müssen wir genauso die Verantwortung für unser Verhalten im digitalen Raum übernehmen. Was uns aber nur gelingt, wenn wir medienkompetent agieren.

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