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Lügen als Geschäft

Frei erfundene Meldungen verbreiten sich wie ein Lauffeuer im Netz. Dahinter stehen politische Propagandisten – und knallharte finanzielle Interessen

Diese Seite ist nichts für feinsinnige Geister: News-Front.info bezeichnet sich als „Nachrichtenagentur“ und konzentriert sich hauptsächlich auf Russland-Themen – aus der Sicht des Kreml. Der Menüpunkt „Neurussland“ beschreibt die Ost-Ukraine, die dort als „Volksrepublik Lugansk“ bezeichnet wird. Die Deutschland-Berichterstattung steuert zu einem Gutteil RT bei, das deutsche Büro des Regierungssenders Russia Today. Die Redaktion hat eine russische E-Mail-Adresse – willkommen im Propagandakrieg!

News-Front mag einen antiwestlichen Kurs fahren, der Werbeschaltung auf der Seite schadet dies nicht: Mit einem Banner auf der Startseite wirbt das Möbelhaus Roller aus Gelsenkirchen für seine Schlafsofas.

Seiten wie News-Front gibt es zahllose im Netz. Propagandanachrichten haben Hochkonjunktur, aber auch fremdenfeindliche, oft frei erfundene Hetzartikel. Experten streiten darüber, ob solche Seiten Donald Trump zum Sieg verholfen haben.

Zu internationaler Berühmtheit gebracht hat es im Verlauf des US-Wahlkampfs Breitbart.com, eine rechtspopulistische US-Website, die als eine Keimzelle der rechtsextremistischen Alt-Right-Bewegung gilt. Alt-Right-Sympathisanten feierten den Trump-Wahlsieg frenetisch – unter anderem mit „Heil“-Rufen und Hitlergruß. Während Trump sich müht, sich von diesen Strömungen zu distanzieren, plant Breitbart ein Büro in Deutschland. Auffällig: Als wir die US-Seite von Breitbart aufriefen, begrüßte uns auch hier ein Werbebanner von Roller. Ein deutsches Möbelhaus finanziert Putins Propagandaseiten und die Neue Rechte in den USA?

Die Interessen des Nutzers bestimmen die Werbung

Ein Anruf in der Firmenzentrale der Möbelhauskette im Ruhrgebiet löst Aufregung aus. Firmensprecherin Inga Osterwald weist jeglichen Verdacht von sich, dass das Unternehmen absichtlich Putins fünfte Kolonne oder Amerikas Neue Rechte mit Werbegeld sponsert: „Es ist natürlich keinesfalls in unserem Sinne, Kommunikation dieser Art durch unsere Werbung indirekt zu unterstützen.“ Der Grund, weshalb der Roller-Werbebanner auf der Propagandaseite erschien, liegt beim Autor dieser Zeilen: Er hat sich in letzter Zeit vermehrt Polstermöbel im Web angesehen, da er den Kauf eines neuen Sofas plant – und damit Google Daten für das Targeting geliefert. Osterwald dazu: „Die Ausspielung unserer Online-Werbung erfolgt unter anderem auf der Basis von Nutzerprofilen, unabhängig davon, in welchem Werbeumfeld der Nutzer sich gerade aufhält.“ Egal ob Roller-Banner oder Werbung für die Semy Awards, für Hosting von 1&1 oder für Autos von VW: All diese Banner stammen aus dem Google-Adsense-Programm, sie werden in die Seiten eingespielt, die von Nutzern aufgerufen werden, deren bisheriges Surfverhalten darauf hindeutet, dass sie sich für die gezeigten Inhalte interessieren.

Was technisch leicht zu erklären ist, macht die Sache für die Markeninhaber nicht unbedingt besser: Nicht nur rücken sie in die Nähe von politischen Strömungen und Aussagen, die sie nicht unterstützen wollen, sie können damit auch ihre Marke beschädigen. So reagierte Roller auf die Nachricht, dass Banner des Möbelhauses auf Newsfront.net auftauchen, konsequent: Die Seite wurde im Google-Adsense-Account des Unternehmens auf die Blacklist gesetzt. Allerdings ist das kein Allheilmittel: Immer neue Seiten mit populistischen Inhalten tauchen auf.

Auf www.journalistenwatch.com etwa wird die Bundesregierung gern als „linksgrünes Regime“ bezeichnet, das an der Zersetzung der staatlichen Ordnung arbeite. Die Seite erhebt den Anspruch, die Arbeit der Medien zu beobachten und zu kommentieren. Tonalität und Anspruch zeigen sich in Formulierungen wie „Nein, liebe Lügenpresse. Diese Fake-Nummer ist nichts weiter als ein verzweifelter Versuch, die Oberhand bei den Nachrichten zu behalten, die Gegenöffentlichkeit auszuknipsen, damit Frau Merkel so weitermachen kann wie bisher.“ Viele Inhalte von News-Front, Journalistenwatch und Breitbart bewegen sich hart am Rande dessen, was in Deutschland von der Meinungsfreiheit gedeckt ist – und zum Teil vermutlich sogar jenseits davon. Was sie alle eint, sind Werbebanner von Markenartiklern. Die meisten deutschen Online-Werbungtreibenden würden eine solche Website vermutlich nicht mit der Kneifzange anfassen. Dennoch findet sich bei einem Kontrollbesuch auf Journalistenwatch.com Werbung von Amazon, von den Volks- und Raiffeisenbanken, Microsoft und VW.

Auch von Rising Media, einem Kongressveranstalter aus Starnberg, erscheint auf Breitbart Banner-Werbung, ebenso auf dem Blog des Rechtspopulisten Michael Mannheimer (bürgerlicher Name Karl-Michael Merkle, nicht zu verwechseln mit dem kürzlich verstorbenen Holocaust-Mahner Max Mannheimer). Unter einem Beitrag mit der Überschrift „Bochum: Nach Vergewaltigung einer chinesischen Staatsbürgerin durch einen Asylanten spricht China eine Reisewarnung für Deutschland aus“, bewirbt Rising Media ihre „Semy Awards“, einen Wettbewerb für Performance Marketing.

Firmenchefin Sandra Finlay ist der Redaktion persönlich aus gemeinsamen Projekten bekannt – und der Sympathie für Hate Pages gänzlich unverdächtig. Zur Platzierung ihrer Werbung auf rechtspopulistischen Seiten schreibt sie: „Wir würden es sehr begrüßen, wenn es ein Tool gäbe, welches verhindert, dass unsere Anzeige in einem Umfeld von Inhalten gezeigt wird, in dem wir nicht erscheinen möchten. Dies ist aber nur skalierbar umsetzbar, wenn es über einen Algorithmus auf der Hauptanzeigen-Plattform gesteuert ist.“

Erfundene News aus Mazedonien

Überraschend häufig verfolgen die Macher von rechtslastigen Hate Pages gar keine politische Agenda. Es geht ihnen schlicht ums Geld. So deckte das mazedonische News-Portal Meta.mk unlängst auf, dass sechs der reichweitenstärksten Websites, die im US-Wahlkampf mit falschen Meldungen Stimmung für Donald Trump und gegen Hillary Clinton machten, in der mazedonischen Kleinstadt Veles produziert werden. So steckt etwa hinter der Website Usadailypolitics.com ein 22-jähriger Informatikstudent namens Teodor Indov. Den Meta-Journalisten erzählte der Student seine Beweggründe: „Ich habe mich gefragt, was die Amerikaner am meisten interessiert, und das ist entweder Football oder spektakuläre Meldungen, die ich von anderen Seiten übernehme. Ich veröffentliche ausschließlich News. Ob das, was ich dort schreibe, wahr ist oder nicht, weiß ich gar nicht.“ Der Mann fährt fort: „Ich mache das ausschließlich wegen der Google Ads.“ Und warum spielen dann Meldungen rund um Donald Trump solch eine große Rolle? „Weil es das ist, was die Amerikaner am meisten lesen.“

Eine gewisse Sympathie für den republikanischen Kandidaten könne nicht ausgeschlossen sein, vermuten die mazedonischen Journalisten. Bei ihren Recherchen stießen sie jedoch bei allen Propagandaseiten-Betreibern weder auf eine Partei mitgliedschaft noch auf sonstige auffällige politische Aktivitäten. Offensichtlich geht es vor allem ums Geld. 5.000 US-Dollar und mehr, so schätzen Experten, kann ein Website-Betreiber mit einer solchen Propagandaseite im Monat verdienen – in Mazedonien ein fürstliches Salär.

Glaubt man einem Interview in der „Washington Post“, dann macht das Fake-News-Geschäft nicht nur Osteuropäer reich. Mitte November sprach die „Washington Post“-Journalistin Caitlin Dewey mit dem Briten Paul Horner. Er gilt als der Großmeister der Fake-News-Verbreitung im Netz und sieht seine Arbeit vor allem als Satire. Der 39-Jährige aus Liverpool setzt primär auf Facebook als Viral-Booster. Als er im Social Network die Meldung verbreitete, US-Präsident Obama beabsichtige, die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen zu annullieren, brachte ihm das 250.000 Facebook-Likes ein. Auf die Frage der Journalistin, was sich gegenüber früher verändert habe, antwortete Horner: „Die Leute sind heute dümmer. Die glauben alles. Ein Faktencheck findet nicht statt.“ Dennoch geht es ihm bei der Sache offenbar nicht nur darum, Leute zu veralbern: In dem Interview beziffert Horner sein Monatseinkommen auf rund 10.000 US-Dollar, vor allem durch Anzeigenerlöse von Google Adsense.

Jestin Coler, ein US-Amerikaner, der im Großraum Los Angeles lebt, wollte angeblich „in die Echokammer der Ultrarechten eindringen“, wie er der News-Seite NPR sagte. Dazu legte sich der Mittvierziger eine Reihe von vertrauenserweckenden Domains wie Denverguardian.com oder Nationalreport.net zu. Die Domains von seriösen Zeitungen fälschte er und meldete sich bei alternativen Top-Level-Domains an – den Unterschied zwischen WashingtonPost.com und WashingtonPost.com.co merkt eben nicht jeder. Der falsche Denver Guardian hatte sogar das Wetter von Colorado auf seiner Seite, ansonsten nur einen einzigen Artikel: „FBI Agent Suspected In Hillary Email Leaks Found Dead In Apparent Murder-Suicide“. Der Beitrag war frei erfunden und bekam dennoch 500.000 Likes auf Facebook. Coler, der sich selbst als Demokrat bezeichnet, stellte schnell fest, dass keine Meldung zu absurd sein kann, wenn sie nur ein Klischee bedient. Die frei erfundene Nachricht, dass sich Sozialhilfeempfänger Haschisch mit Lebensmittelmarken kaufen, führte gar zu einer Gesetzesinitiative, die dieses – nie geschehene – Delikt unter Strafe stellen sollte.

Coler hat inzwischen ein Netz aus Dutzenden von Websites, die alle von Fake News leben. Bis zu 25 Autoren arbeiten für ihn, so sagt er im NPR-Interview. Sein ursprünglicher Plan sei es gewesen, die Ultrarechten mit immer absurderen Stories zu füttern – und diese dann öffentlich zu entlarven. Daneben lässt es sich vom Geschäft vortrefflich leben: Im Gespräch mit NPR beziffert Coler sein Einkommen auf bis zu 30.000 US-Dollar im Monat.

Eine entscheidende Rolle für den finanziellen Erfolg spielen die hochautomatisierten Anzeigenplattformen von Google, Facebook, Amazon, Appnexus und anderen. In Zeiten, in denen Mediaplaner immer seltener nach genuinen Themenumfeldern suchen und sich immer häufiger auf ihr User-Targeting verlassen, ist es ein Kinderspiel, einem Ad Network eine Seite unterzujubeln, die auf den ersten Blick aussieht wie ein seriöses Medium.

Auf Werbeeinblendungen angesprochen, die auf Websites mit rechtlich grenzwertigen Inhalten erscheinen, reagieren die Networks schmallippig. Wer bei Google oder Amazon anruft und von Beispielen berichtet, wird freundlich gebeten, doch einmal einen Screenshot zu schicken, weitere Aktionen bleiben im Vagen. Auf Anfrage teilt etwa der scheidende Google-Sprecher Klaas Flechsig mit: „Wenn Sie konkrete Beispiele für Fake-Artikel haben, auf denen sich Adsense-Anzeigen befinden, schicken Sie mir gerne die Links oder Screenshots, ich lasse das dann mal durch die Adsense-Kollegen prüfen.“ Außerdem verweist er darauf, dass Google erst unlängst seine Kriterien für Publisher verschärft habe: „Wir haben unsere Adsense-Programmrichtlinien angepasst und untersagen es nun auch, Google-Anzeigen auf Seiten zu platzieren, auf denen Informationen über den Publisher, den Content oder über den Hauptzweck der Web-Property falsch dargestellt, falsch angegeben oder verheimlicht werden.“ Im Kern ist das kein wirklich schlechter Plan. Er verfängt aber nur bei den Seiten, die tatsächlich längere Zeit erhalten bleiben sollen. So findet sich beispielsweise auf der Website der Pegida-Bewegung keine erkennbar von einem Ad-Netzwerk vermittelte Werbung. Andererseits kann es sich Pegida auch nicht leisten, ihre Domain einfach so aufzugeben und unter einer neuen Domain ihr Anzeigenglück so lange zu versuchen, bis sie wieder auf den Index des Werbepartners gerät. Glücksritter, die auf das schnelle Geld setzen, können das durchaus: Eine Seite wie Denver Guardian ist in zwei, drei Stunden online – Wordpress sei Dank. Passende Domain-Adressen sind schnell registriert, wobei die Flut neuer Top-Level-Domains das Spiel eher einfacher als schwerer macht. Dann bei verschiedenen Ad Networks anmelden und warten. Sobald eine erfundene Meldung über die sozialen Medien die Runde macht, gehen die Zugriffszahlen hoch, und der Rubel rollt. Wenn das Ad Network das Spiel bemerkt und die Notbremse zieht, macht man halt eine neue Seite auf – oder man wechselt schlicht den Ad Provider. Fake-Profi Jestin Coler berichtet im Interview mit NPR von Dutzenden von Ad Networks, welche seine Reichweite gern ausnutzen würden.

Adtech-Anbieter Appnexus zeigt Haltung

Während sich Werbevermarkter in Deutschland noch hinter ihren Richtlinien verstecken, schaffen US-Anbieter Fakten. So hat der Adtech-Anbieter Appnexus dem ultrarechten Breitbart-Netzwerk die Freundschaft gekündigt: Man werde ab sofort keine Anzeigen mehr an Breitbart-Seiten ausliefern, ließ das Unternehmen Ende November mitteilen.

Profi-Lügner Coler kann darüber vermutlich nur lachen – und setzt einfach ein paar neue Seiten auf. Er hat übrigens auch eine Erklärung dafür, weshalb nur ultrarechte Fake News rasant zunehmen: „Ich habe versucht, für Liberale zu schreiben, aber das klickt nicht so gut.“ ❚


Strategien gegen Fake-News-Werbung

Werbungtreibende haben nur begrenzt Möglichkeiten, gegen die Platzierung ihrer Werbung auf Hate Pages vorzugehen:

• Im Setup des Ad Network politische Seiten ausschließen

• Webanalyse-Files auf verdächtige Domains untersuchen

• Auf Hinweise in Social Networks achten und zweifelhafte Domains manuell sperren

• Die Community um sachdienliche Hinweise bitten

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