INTERNET WORLD Business





Oh, was für ein Jahr!

Krieg, Schlammschlachten und Schicksalsschläge bestimmten in den vergangenen zwölf Monaten die Schlagzeilen. Der Blick zurück fällt 2016 schwerer als sonst

Wo anfangen? Bei Künstlern wie David Bowie und Prince, die diese Welt zu früh verließen, oder Politikern wie Walter Scheel, Hans-Dietrich Genscher und Guido Westerwelle, die nicht mehr unter uns weilen? Mit den Terroranschlägen in Nizza, am Brüsseler Flughafen, in Istanbul, Würzburg, Ansbach? Dem Krieg in Syrien? Bei den beispiellosen Schlammschlachten rund um die Präsidentschaftswahlen in Amerika und in Österreich? Dem erschreckenden Kippen des Tonfalls in öffentlichen Debatten? Oder mit dem Erstarken der Rechtspopulisten überall in Europa?

Viel zu oft hält 2016 verstörende Schlagzeilen bereit – die allerdings eher selten mit der digitalen Wirtschaft zu tun haben. Die diskutiert zum Jahresbeginn vor allem über Entwürfe für die neue EU-Datenschutzrichtlinie, die nach Ansicht vieler Experten eher die Marktposition der großen US-Netzgiganten sichert als den europäischen Bürgern nützt. Auch das Payment-System Paydirekt – einst als deutsche Antwort auf Paypal angekündigt, tut sich noch erkennbar schwer damit, dieser Rolle gerecht zu werden. Die Internet-Hypes kommen weiterhin aus den USA: Seit Jahresende 2015 erlaubt Facebook Video-Livestreams von jedem Smartphone aus. Pionier ist die Zuckerberg-Company damit nicht, bereits seit Februar 2015 bietet das Start-up Meerkat Ähnliches an. Doch Erster zu sein reicht nicht: Während Facebook-Livestreams ihren Weg in jeden Social-Media-Baukasten finden, muss Meerkat im Oktober 2016 den Betrieb einstellen.

Bei Facebook läuft es derweil wie geschmiert: Nach dem Social Network überspringt auch die 2014 übernommene Tochter Whatsapp die Milliarden-Nutzer-Marke, Facebook-Chef Mark Zuckerberg verwöhnt seine Aktionäre zudem mit Quartalszahlen wie aus dem Bilderbuch. Auch in Deutschland gibt es Erfolge zu vermelden: Die Mytoys-Gruppe (Mytoys, Ambellis, Mirapodo, Limango) überspringt beim Umsatz die 500-Millionen-Euro-Marke. Und Digital-Agenturen ohne großes Network im Hintergrund sind heiß begehrt: Im Februar übernimmt IBM Aperto und Ecxio.

40 Millionen US-Dollar für eine Top-Level-Domain

Grund zum Jubeln hat Anastasia Lazaridou vom Modeversender Sheego. Sie darf Anfang März im Rahmen der INTERNET WORLD Business Shop-Award Gala die Auszeichnung „Best of Show“ entgegennehmen. Es wird dann noch eine lange Nacht ...

Am Morgen danach öffnet die 20. Internet World Messe ihre Tore. Erstmals belegt die führende europäische E-Commerce-Messe zwei komplette Hallen auf dem Münchner Messegelände und sorgt für Rekorde: 15.900 Fachbesucher – so viele wie noch nie.

Amazon zeigt sich auch 2016 fest entschlossen, das deutsche Logistikgewerbe aufzumischen. Im März werden die ersten Packstationen namens „Amazon Locker“ an deutschen Shell-Tankstellen installiert. Im Mai startet in Berlin der Express-Lieferservice Amazon Prime Now, im Sommer ist dann München dran.

Dass im E-Commerce die Zukunft liegt, daran glaubt die japanische Domain-Registry GMO. Sie zahlt im März über 40 Millionen US-Dollar für die New Top Level Domain .shop. Auch den deutschen Lebensmitteleinzelhandel zieht es immer stärker ins Netz: Rewe startet eine App für den Supermarkteinkauf per Smartphone, Konkurrent Real übernimmt den Marktplatzbetreiber Hitmeister.

Im kalifornischen Cupertino knallen im April die Korken – Apple wird 40. Allerdings bahnt sich im Jubiläumsjahr Ungemach an: Die Smartphone-Verkäufe stagnieren, der Smartwatch-Umsatz bricht ein. Für einen Abgesang auf den iPhone-Konzern taugen die Meldungen dennoch nicht: Apple bleibt auch 2016 das wertvollste Unternehmen weltweit.

Weniger gut laufen die Geschäfte bei Deutschlands Vorzeige-Start-up-Schmiede Rocket Internet: Im ersten Quartal 2016 muss CEO Oliver Samwer seinen Aktionären 200 Millionen Euro Verlust erklären, im Sommer sind es dann schon 617 Millionen, im November kursieren Gerüchte über einen Personalabbau. Bis Jahresende verliert die Rocket-Aktie ein Drittel ihres Werts.

Derweil kennen die US-Giganten kein Halten: Amazon kann im 1. Quartal 2016 seinen Gewinn um 28 Prozent auf 581 Millionen US-Dollar steigern, Facebook verdreifacht seinen Gewinn gar auf 1,51 Milliarden Dollar. Auch die Unternehmensbewertung des Taxifahrten-Vermittlers Uber und der Zimmervermittlung Airbnb steigen unaufhörlich. Doch der Widerstand gegen die Disruptoren aus Übersee, die den Markt durcheinanderwirbeln, nimmt zu. Im Mai verbietet die Stadt Berlin, Wohnungen via Airbnb an Touristen zu vermieten, bis zu 100.000 Euro Strafgeld drohen. Im Sommer zieht München mit einer entsprechenden Regelung nach. Auch andere Metropolen weltweit sperren sich dagegen, dass Wohnraum für Touristen zweckentfremdet wird.

Im Juni schafft es die Partnerbörse Loovoo in die Abendnachrichten. In Geschäfts- und Privaträumen des Managements finden Hausdurchsuchungen statt. Der Vorwurf gegen Loovoo sorgt unter Dating-Experten eher für Heiterkeit als für Entsetzen: Das Portal soll – nein, wirklich? – männliche Kunden mit gefälschten Profilen vermeintlich paarungswilliger Damen getäuscht haben.

Ebenfalls für Aufmerksamkeit sorgt im Sommer eine Reihe von Firmenübernahmen: Microsoft kauft Linkedin und Salesforce Demandware, VW steigt beim Mobility-Portal Gett ein, Verizon erwirbt Yahoo. Die knapp fünf Milliarden Dollar, die der Telco für den Internet-Pionier bietet, hören sich nach viel an, sind aber ein Klacks gemessen an den 120 Milliarden, die Yahoo auf der Höhe seiner Erfolge mal wert war.

In Europa wäre diese Meldung fast untergegangen, denn der Kontinent ist noch im Brexit-Schock. Die Briten haben sich am 23. Juni mehrheitlich für einen Austritt aus der EU entschieden. Welche Auswirkungen das auf die digitale Wirtschaft haben wird, ist noch nicht abzusehen – bis zum Jahresende hat die britische Premierministerin noch nicht einmal offiziell ein Austrittsgesuch gestellt.

Für die Leipziger Firmenzentrale des krisengeschüttelten Internet-Unternehmens Unister ist der schwärzeste Tag des Jahres der 14. Juli: Firmenchef Thomas Wagner und Unister-Gesellschafter Oliver Schilling kommen bei einem Flugzeugabsturz in Slowenien ums Leben. Das Kleinflugzeug kommt von Venedig, mit Wagner und Schilling sterben ein Finanzberater und der Pilot. Schnell wird klar, dass Wagners Tod nur die erste in vielen Hiobsbotschaften ist. Offenbar war er vor seinem Abflug in Italien um eine Millionensumme betrogen worden. Nach Wagners Tod ist Unister endgültig am Ende, nahezu alle Tochtergesellschaften melden Insolvenz an.

Schlechte Nachrichten für SEOs kommen im August: Google macht den Keyword-Planer kostenpflichtig. Und bei Nokia denkt man wehmütig an bessere Zeiten zurück: Der Nokia Communicator, das erste Smartphone der Welt, feiert seinen 20. Geburtstag.

Der September steht im Zeichen der Dmexco. Mehr als 50.000 Menschen drängen sich zwei Tage lang in fünf Kölner Messehallen – und fragen sich, ob das alles noch wahr sein kann. Am 30. September endet eine Ära: Das US-Wirtschaftsministerium gibt die Kontrolle über das Domain Name System auf.

Im Oktober hat Facebook (mal wieder) Ärger mit dem Datenschutz: Der Hamburgische Datenschutzbeauftragte verbietet den Datenaustausch zwischen Whatsapp und Facebook. Google beschert mit dem Penguin-Update 4.0 den SEO-Experten schlaflose Nächte, außerdem rückt der mobile Index in der Relevanz nach vorn. Und während Facebook zugeben muss, dass es sich bei der Messung von Video-Reichweiten zuungunsten der Werbekunden geirrt hat, kündigt die Agof an, künftig täglich Reichweitenmessungen vorzulegen.

Derweil kommen US-amerikanische Technik-Revolutionen nach Deutschland: Microsoft bringt seine Augmented-Reality-Brille Hololens, Amazon seinen sprachgesteuerten Haushaltsassistenten Echo. Ein Urteil mit Sprengkraft fällt der Europäische Gerichtshof: Er kippt die Preisbindung für rezeptpflichtige Medikamente und eröffnet so Versandapotheken neue Potenziale.

Im November hält die Welt den Atem an: Nach einem Schmutz-Wahlkampf sondergleichen wird Donald Trump zum 45. US-Präsidenten gewählt. Welchen Einfluss dabei Fake News im Internet hatten, bleibt ein heiß diskutiertes Thema. In Deutschland endet ein jahrelanger Streit: Die Musik-Verwertungsgesellschaft Gema einigt sich mit Youtube auf ein Vergütungsmodell – wegen Urheberrechtsverletzung gesperrte Videos gehören endlich der Vergangenheit an. In den USA kündigt AT&T die Übernahme von Time Warner an – für unvorstellbare fast 85 Milliarden US-Dollar. Da ist die knappe halbe Milliarde Euro fast nicht der Rede wert, mit der die Investmentbank Warburg Pincus bei 1&1 einsteigt.

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